Auch Pils muss sein: Das Neue von Tilmans Biere im Test

Auch Pils muss sein: Das Neue von Tilmans Biere im Test

Tilmans Biere ist besonders bekannt für gekonnt gesteigerte Standards, wie dem heiligen Triumvirat jeder gutbürgerlichen Gasthausschänke: Hell, Dunkel, Weizen. Nun kommt ein Pils dazu. Bleibt es dabei, dass Gründer Tilman Ludwig sanfte Innovation zelebriert?

Tilman Ludwig gründete im Jahr 2014 nach Abschluss an der TU München/Weihenstephan und zwei Jahren Brauhandwerk in der Schweiz sein eigenes Brauunternehmen, Tilmans Biere, in München. Erstaunlich am Ansatz des Jungbrauers war der Verzicht auf IPA und Wit als Einstieg in die Kreativbierwelt.

Logisch, mag so mancher denken, denn schließlich sind bayrischer und Münchener Biermarkt konservativ wie kaum ein Zweiter. Da braucht’s was Versöhnliches mit der Tradition. Oan Schmarrn, denkt ein anderer, denn wie will ein Jungscher sich gegen die bereits bestehenden Größen rund um Hofbräu, Augustiner und Co. durchsetzen?

Tilmans Biere: Tradinnovation

Ludwig wählte die goldene Mitte. Er braute zunächst ein Helles und füllte in die Euroflasche (Tegernseer, Augustiner etc.) ab. Filtriert wird hingegen nicht, und hopfengestopft ist “Das Helle”. Dazu gekonnte Designs von wechselnden Künstlern für jede Biersorte, und plötzlich kann man auch klassische Stile vorsichtig gesteigert in Bayern etablieren.

Gebraut wird bei Gut Forsting im Kreis Rosenheim. Inwiefern sich das auf die Biere auswirkt, ist Spekulation, aber es ist auffällig, dass die klassischen Stile besonders gut gelingen, während moderne Varianten von Pale Ale oder Kaffeebier auch mal etwas unbalanciert ausfallen können.

Wer sich durchprobieren möchte, hat dazu mittlerweile im “Frisches Bier” Gelegenheit, einer Gastronomie-Koop mit Max Heisler im Münchner Schlachthofviertel. Dort findet sich inzwischen auch das Pils mit der Krabbe auf dem Etikett, ein Werk des lokalen Künstlers Michael “Mixen” Wiethaus.

Der Linie treu bleiben

Zur sanften Revolution beim Pilsner bzw. hopfenbetonten, hellen Lagern in Deutschland trägt auch das Tilmans Pilsner bei. Es ist wiederum unfiltriert, hat dadurch im Glas einen leichten Schleier im Sonnengelb unter weißer Schaumkrone. Der Duft verrät sogleich, dass man es hier mit US-Aromahopfen zu tun hat: Mosaic und Citra verleihen dem Geruch ein klares Aroma von Zitrusfrüchten, weißen Trauben und einer Spur Honigmelone. Dazu kommt die Säure von Apfelsaft und die Süße von Vanillezucker; Getreidenoten und eine leichte Würzigkeit komplettieren den Eindruck in der Nase.

Im Mund fällt der leichte, fast ein wenig dünne Körper auf. Einem Pils kann man einen schlanken Eindruck allerdings nicht allzu negativ anrechnen, und die Hopfenfrische ergänzt sich sehr gut mit der hohen Trinkbarkeit. Die grasige Bitterkeit kommt früh auf und hält sich lange, wirkt jedoch nie störend. Sehr spät gibt es einen pilstypisch trockenen Abgang, in welchem die Hopfennote leicht ins Heuartige geht.

Fazit: Mach’s nochmal!

Das Tilmans Pilsner reiht sich perfekt ein in die Geschichte, die Das Helle, Die Dunkle und Der Weizen bisher erzählt haben. Es bereichert den Pilsner Stil um wunderschön fruchtige Hopfennoten, traut sich was mit der Bitterkeit, und ist dennoch erfrischend und süffig. Minimal mehr Fülle wäre wünschenswert gewesen, aber dennoch insgesamt ein modernes, rundum gutes Pilsner.

 

Tilmans Biere Pils

Tilmans Pilsner

Preis: ca. € 2,40

Füllmenge: 0,33 l

Alkoholgehalt: 4,7% Vol. (11,6°P)

Zutaten: Wasser, Gerstenmalz, Hopfen (Mosaic, Citra), Hefe

Ährenrunde: Wie entstand das Pils?

Der populärste Bierstil Deutschlands wurde 1842 vom bayrischen Braumeister Josef Groll aus Vilshofen erfunden. Nachdem die Bürger des damals zu Österreich gehörenden Pilsen aus Zorn das schlechte Bier der lokalen Brauereien öffentlichkeitswirksam in den Rinnstein entleert hatten, suchten sie für ihre neue Bürgerbrauerei einen Braumeister, der Bier aus Pilsen wieder wertig machen sollte.

Zu diesem Zeitpunkt verwendeten bayrische Braumeister seit einiger Zeit untergärige Hefe, welche kühlere Temperaturen bevorzugt und entsprechend etwas länger braucht. Diese längere Reifezeit ließ das Bier besser ausklären und verlieh dem Biertypus den Namen “Lager”. Groll setzte rigoros auf das hellste Malz, welches die Mälzereien durch neue Röstmethoden im Zuge der industriellen Revolution herzustellen in der Lage waren, sowie auf das weiche Wasser und den Saazer Rothopfen der Gegend. Heraus kam ein sensationell helles und erfrischend herbes Bier, welches alsbald einen Siegeszug um die Welt antreten sollte – auch, weil die Massenproduktion von Gläsern das schöne Gold auch für weniger gut Betuchte sichtbar werden ließ.

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Photocredit: tilmansbiere.de

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