Tomika Metal Inox: Die Gärtank-Experten aus Plodiv

Tomika Metal Inox: Die Gärtank-Experten aus Plodiv

Die Thrakische Ebene ist kein Tal aus Game of Thrones, sondern existiert real in Bulgarien und ist Heimat von Tomika Metal Inox. Dirk Hoplitschek hat sich bei den Gärtank-Produzenten in Plovdiv umgesehen, auf dessen Dienste Kreativbier-Hersteller wie Brlo, aber auch Braugiganten wie AB-InBev zurück greifen.

Die Preise sind es, sollte man meinen. Bulgariens Währung ist trotz EU-Beitritt 2007 noch immer der Lev (Löwe), das Durchschnittseinkommen liegt bei ungefähr 800 Leva pro Monat, umgerechnet 400€, auch wenn die Kaufkraft in etwa gleich ist.

Bei so günstiger Arbeitskraft liegen die Vorteile klar auf der Hand. Doch Nikolay Karakashev, Sales Director bei Tomika Metal Inox – kurz TM Inox – will davon nichts wissen. Hört man dem jungen Familienvater zu, so gelangt man zu dem Schluss, dass er den ganzen Tag nichts anderes macht, als möglichen Kunden gegenüber die hohen Preise zu rechtfertigen. Die urbanen Zentren Bulgariens sind natürlich auch die Spitzenreiter im Pro-Kopf-Einkommen, denn hier kann ein qualifizierter Arbeiter mit 1.200 Leva rechnen. So ganz von der Hand zu weisen ist das Preisargument dennoch nicht. Doch es sollte ja ein atmosphärisches Portrait werden – Zeit für etwas Mise en Scène:

Plovdiv, hä?

Bulgarien kennen die meisten Deutschen aus dem Sommerurlaub: Sonnenstrand, Goldstrand, die Küstenstädte Varna und Burgas, die Hauptstadt Sofia – damit hört es für gewöhnlich auf. Plovdiv, die mit 340.000 Einwohnern (675.000 im erweiterten Stadtgebiet) zweitgrößte Stadt des Landes, liegt eher im Zentrum Bulgariens an der Maritza, der Lebensader des thrakischen Tals, zwischen den hoch aufragenden Gebirgszügen des Balkans und der Rhodopen. Sie gehört zu den ältesten konstant bewohnten Städten der Welt, was archäologischen Funde beweisen, die quasi beim Legen jedes neuen Kabels ans Tageslicht gelangen.

Einige dieser Funde lassen auf eine Besiedlung seit 6000 v. Chr. schließen. Im Lauf der Jahrtausende wurde Plovdiv dutzende Male belagert und besiegt. Einer der prominentesten Eroberer war Philipp II von Makedonien, der Vater Alexander des Großen, welcher der Stadt für sehr, sehr lange Zeit seinen Namen gab: Philippopolis.

Wie viele antike Städte wurde Plovdiv zwar in Flussnähe, aber ansonsten auf Hügeln erbaut, die eine weite Ebene überblicken. Von diesen lokal „Tepe“ (ein türkisches Lehnwort) genannten Erhebungen gab es einst sieben, doch heutzutage gibt es derer eigentlich nur noch fünf, denn einer musste einem Shoppingzentrum weichen, und ein weiterer, passend zu diesem Artikel, einer Großbrauerei: Kamenitza, heutzutage im Besitz von Molson Coors. Für die baut Tomika Metal Inox (und weil kyrillisch so schön ist, einmal original: Томика Метал ИНОКС) natürlich auch Gärtanks.

Fabrikflair bei Tomika Metal Inox

Mit dem historischen Stadtkern Plovdivs, wo man von der Shoppingstraße in die Überbleibsel des Hippodroms stolpert oder Metal-Konzerten im rekonstruierten Amphitheater lauscht, hat der industriell geprägte Nordrand Plovdivs wenig gemein.

Doch auf Hochtouren laufendes Industriegerät tendiert dazu, die Anwohner lauschiger Lagen zu stören, also schweißen, biegen und beulen die 400 Mitarbeiter auf einer Fabrikfläche von der Größe von etwa zwei Fußballfeldern in der Vorstadt (und einer weiteren Filiale außerhalb von Plovdiv). Dabei wird nicht nur für Brauanlagenhersteller produziert. Einer der Hauptabnehmer sind die vielen Weinproduzenten der Gegend, denn Trauben gedeihen im thrakischen Tal ganz besonders gut. Hinzu kommen Molkereibetriebe und Silos für Chemikalien, oder auch so seltsame Aufträge wie Fischteiche für den Firmengründer.

Gärtanks sind der Flaschenhals der Brauerei

„Belgien“, lautet Karakashevs Antwort auf die Frage, wo die meiste Brauausrüstung hingeht. Fast ausschließlich rostfreie Stahltanks. Fast ausschließlich? „Wir können durchaus auch Brauanlagen bauen, jedoch nur, wenn uns dafür die kompletten Pläne und Spezifikationen vorliegen. Es ist nicht unser Kerngeschäft. Das sind Tanks.“

Doch warum sind qualitativ hochwertige und gleichzeitig preiswerte Gärtanks so begehrt? Weil sie der Flaschenhals einer jeden Brauerei sind, nicht die Brauanlage. Dieser Zusammenhang ist einfach erklärt:

Nehmen wir eine handelsübliche Brauanlage in einer eher kleinen Brauerei mit einer Größe von 20 Hektolitern. An einem einzelnen Brautag fährt man üblicherweise einen Doppelsud, braut also zweimal nach demselben Rezept.

Das Resultat beider Braugänge kommt in einen Tank, der entsprechend ungefähr 40 Hektoliter fasst. Damit ist das Brauen für diesen Tag erledigt. Das Bier aber benötigt für Haupt- und Nachgärung nochmals drei bis acht Wochen, je nach Bierstil, in denen es einfach nur Tanks blockiert. Wer drei Tanks hat, hat diese also nach drei Brautagen gefüllt und während der verbleibenden Zeit, abgesehen von der Kontrolle des reifenden Bieres, wenig zu tun.

Frisch gegründete Brauunternehmen wie Brlo oder Insel-Brauerei aus Rügen müssen zu Beginn meist sparsam denken. Stellt sich der Erfolg ein, braucht es für gewöhnlich zunächst keine größere Brauanlage. Mehr Gärtanks hingegen erhöhen den Ausstoß sprunghaft, und zwar bis zu dem Punkt, an dem man auch bei höchstmöglicher Braufrequenz die Tanks nicht mehr voll kriegt. Davon sind viele dieser Unternehmen weit entfernt, wenn es überhaupt je so weit kommt.

Gärtanks sind also von primärer Bedeutung für das Wachstum jeder Brauerei und der Grund, warum so viele Mittelständler ihre nicht genutzten Kapazitäten vermieten. Denn verschwendeter Platz in Gärtanks ist verschwendetes Geld.

Hektische Betriebslosigkeit bei TomiKa Metal Inox

Mein Besuch fällt auf Samstag, den 23. Dezember. Die Sonne scheint bei fast 15 Grad, Plovdiv räkelt sich mühsam aus den Federn und den Weihnachtsfestvorbereitungen entgegen. Entsprechend herrscht in den Fabrikhallen von Tomika Metal Inox absolute Menschenleere. Hier und da sieht man Security, ansonsten nur Karakashev und ich.

Eigentlich sollte er längst bei der Familie sein, die Schwimmhalle ruft. Dennoch hat er sich bereit erklärt, dem neugierigen Journalisten, der ausgerechnet an diesem Morgen aus Berlin einfliegen muss, das Gelände zu zeigen.

Den Krach, der hier sonst herrschen muss, vermisse ich nicht. Die optische Fulminanz der Gerätschaften hingegen schon ein wenig. Einige davon, wie die modernen Plasmaschweißer und Laserschneider, zeigt Karakashev stolz. Andere sind eigene Patente, fotografieren verboten. Überall stehen Gärtanks verschiedener Macharten und in verschiedenen Stadien der Fertigstellung herum. Obwohl (oder vielleicht gerade weil?) ich kein Fachmann bin, vermeine ich das ein oder andere Modell wiederzuerkennen.

Bulgarische Bierwelt

Schließlich wird es Zeit, Karakashev endlich in den wohlverdienten Urlaub zu entlassen. Nach Weihnachten geht es, Überraschung, nach Belgien. Karakashev zwinkert mir spitzbübisch zu, dass er für seinen Neujahrsurlaub biertechnisch wohl die bessere Wahl getroffen hat.

Damit hat er sicherlich Recht, doch ich entgegne, dass sich auch die Bulgaren inzwischen aktiv um eine vielfältige Bierkultur bemühen. Plovdiv selbst hat eigentlich nur eine Kneipe, die man als Kreativbier-Bar bezeichnen könnte: Kotka i Mischka (Katz und Maus) im Szeneviertel Kapana (die Falle). Doch im Bierladen Beer Stop und dem dazugehörigen Pub im Zentrum bietet sich ebenfalls eine erkleckliche Auswahl fremdländischer und lokaler Gebräue, und ein Stück die Straße runter im The Fabric ist neben den großen Marken sogar ein wechselndes, hausgebrautes Bier am Hahn.

Auch die Brauereineugründungen folgen dem internationalen Trend. Mittlerweile erfahrene Matadoren wie Glarus aus Varna stehen neben starken, jungen Marken wie Hills (Umland von Plovdiv). Blek Pine, White Stork, Rhombus, Divo Pivo – alle brauen mutig und modern drauflos. Dabei besinnt man sich durchaus auch auf Eigenständigkeit. Letztgenannte Brauerei hat beispielsweise ein Bier im Sortiment, das mit einem lokalen Bergkraut namens Mursalski Chai gebraut wird. Hierzulande kennt man es vielleicht als griechischen Bergtee, doch die Pflanze ist auch beim nördlichen Nachbarn heimisch und beliebt.

Tomika Metal Inox hat genügend Gärtanks …

Kein Grund also, um die Bierbefeuchtung meiner Kehle zwischen den Jahren zu fürchten. Nicht jedes dieser Biere ist ein Volltreffer, aber das ist daheim auch nicht anders. Karakashev und TM Inox jedenfalls verfolgen die bulgarische Bierwelt mit Interesse und stehen bereit, sollten die jungen Wilden weitere Gärtanks brauchen. Die Zeit wird kommen, kein Zweifel.

 

Möchten Sie mehr über Fässer, ihre Unterscheidungen und die Diskussion um deren Betriebslogistik wissen? Perfekt, da haben wir was!

Photo Credit: Tim Klöcker und Dirk Hoplitschek

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