WAS GÄRT? XXV – Boykott-Auftrufe für Trillium und die Glaubwürdigkeit von Craft Beer, Deutschlands Billigbier im Fokus, genmanipulierte Hefe mit Potential aus Wien

WAS GÄRT? XXV – Boykott-Auftrufe für Trillium und die Glaubwürdigkeit von Craft Beer, Deutschlands Billigbier im Fokus, genmanipulierte Hefe mit Potential aus Wien

Es wird manchem Leser aufgefallen sein, dass wir den Begriff “Craft Beer” bei 3B sehr spärlich einsetzen – wenn überhaupt, dann sehr bewusst. Das hat unter anderem damit zu tun, dass wir seine Spannweite für zu groß und seine Erklärungskraft für zu gering halten. Die immer wieder aufflammende Debatte um eine Definition zeigt, wieviel Herzblut im Spiel ist, und wie wenig Kopf. Im Folgenden wird “Craft Beer” Verwendung finden müssen, denn es geht genau um jene Erklärungskraft, um jenes Herzblut – und darum, was geschieht, wenn das eine benutzt wird, um das andere zu manipulieren.

Boykott für Trillium und die Krise der Glaubwürdigkeit für Craft Beer

Trillium Brewing, benannt nach der Waldlilie (auch Dreiblatt genannt), ist eine der erfolgreichsten Neugründungen in der US-Bierszene. Im Jahr 2013 in Boston gegründet, setzte sich Trillium in einem zunehmend härter umkämpften Markt durch und erlangte insbesondere für seine India Pale Ales Anerkennung, an denen in den USA nun wahrlich kein Mangel bestand und besteht. Zahlreiche Kollaborationen und die Farm-to-bottle-Mentalität (also die Kenntnis und das Überwachen sämtlicher Produktionsschritte von nachhaltigem Anbau bis hin zum Endverkäufer) taten das Übrige, um Trillium eine eingeschworene Fangemeinde zu verschaffen.

Schon 2016 erweiterte sich das Unternehmen des Ehepaares Esther und JC Tetreault um eine neue Anlage, nun folgt ein dreistöckiges Bierrestaurant. Doch plötzlich kommt es zu Boykott-Aufrufen seitens ehemaliger Fans, selbst der Vergleich zu AB-InBev wurde gezogen – in der US-Craft-Szene quasi eine Gleichsetzung mit Luzifer persönlich.

Was war geschehen? Eine Person, die nach eigenen Aussagen für Trillium gearbeitet hatte und dies durch gewisse Insiderkenntnisse auch untermauern konnte, ließ in einem Online-Forum hinter die Kulissen blicken: Fragwürdige Personalpolitik, bei der jahrelang treue Mitarbeiter sich beim Umzug in die neue Location erneut bewerben mussten und teils 30% niedrigere Löhne für dieselben Tätigkeiten angeboten bekamen, Lohnaufstockung über Trinkgelder, auf die sich Verkaufspersonal in den USA – anders als in der Gastronomie – nicht verlassen kann; dazu der Vorwurf von Restbieren in den Growlern und illegales Aufspritten. Als wie tragfähig sich diese Vorwürfe erweisen, ist zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels noch fraglich. Doch Trillium ist kein Einzelfall.

Stone Brewing setzte unlängst eine Frau als Verantwortliche für die Tweets der Tochterfirma Arrogant Bastard ein, da ihr Vorgänger mit der Wortwahl in “only wussies ask for consent” (Nur Weicheier bitten um Erlaubnis) dümmlich-dreist in das Wespennest der ohnehin schon  erhitzten Debatte um sexuelle Übergriffe stampfte.

BrewDog zahlte 12.000 Pfund Entschädigung an einen Mitarbeiter, der aufgrund zunehmender Erblindung entlassen worden war. Die schottische Firma hatte dem Mann andere Stellen angeboten, war jedoch nicht bereit, den vorherigen Arbeitsbereich (Abfüllung und Verpackung) entsprechend für Sehbehinderte anzupassen. Founders aus Michigan wird momentan von einer früheren Mitarbeiterin wegen rassistischer und homophobischer Äußerungen im Arbeitsumfeld verklagt.

Diese Debatten können in jeder Firma auftreten, und jeder hat eine eigene Meinung dazu, wie sinnvoll sie im Einzelnen sind. Doch der Craft-Begriff gibt dem Ganzen Zusammenhang, denn er hat eine ideologische Dimension. Werden diese erfolgreichen Unternehmen also zurecht von Fans angegangen? Absolut. Denn sie benutzen einen ideologisch aufgeladenen Begriff, um ihre Produkte zu verkaufen. Wer das Craft-Image benutzen will, um deutlich höhere Preise für sein Produkt zu fordern, muss auch Craft in der Flasche haben. Das heißt neben gutem Bier eben auch nachhaltig arbeiten, transparent sein, seine Mitarbeiter fair behandeln, Sexismus und Rassismus unterbinden.

Natürlich sind diese Ziele nicht nur für Crafties erstrebenswert. Doch von einem globalen Konglomerat erwartet man, dass es irgendwo auf der Welt Dreck am Stecken hat, und sieht deren Versuche, auf Craft zu machen, eben als Imagekampagnen. Doch auch bei den kleinen und mittelständischen Brauereien – wenn solche Einordnungen auf die genannten Vertreter noch zutreffen – zeigt sich eben manchmal, dass es sich um ein Image handelt. Damit dieses Image eine Verpflichtung zum Handeln bleibt, ist die Kritik notwendig.

Billigbier zwischen Pragmatismus und Proleten-Subkultur

Ich habe es ja selbst auch oft genug gepredigt: Im Blindtest können die meisten Biertrinker ein Oetti oder Sterni nicht von teureren Pilsnermarken unterscheiden. So steht es auch im Artikel “Billigbiere im Vergleich” von Fabian Stark, erschienen in der taz. Zu diesem Umstand gleich eine Anmerkung: Der Grund dafür ist nicht, dass der Geschmack des Konsumenten komplett hinüber ist und man dem dümmlich bierschlürfenden Endverbraucherrindvieh eigentlich alles vorsetzen könnte.

Der Grund ist, dass unsere Konsumtempel im Lebensmittelbereich fast ausschließlich Billigbier anbieten. Ja, das schließt die großen Marken mit ein. Sie alle werden ziemlich nah am Limit dessen produziert, was technisch machbar und noch gerade so profitträchtig ist. Sie alle werden auf hochmodernen Anlagen produziert, bei den ganz billigen Vertretern ist dieser Zwang fast noch größer als bei den “Premium”-Marken, denn beim deutschen Bierpreiskampf im Einzelhandel ist jede noch so kleine Stellschraube von Bedeutung.

Verstellt sich etwas, muss der Preis sofort angeglichen werden, wie unlängst geschehen. Der Aufpreis bei den großen Marken finanziert das Marketing und zusätzliche Vertriebsstrukturen, auf die Oettinger z.B. verzichtet oder zu denen die Radeberger Gruppe (Sternburg) als Marktführer einen leichteren Zugang hat. Was an Mehr fürs Bier selbst übrig bleibt, wird nicht verraten, doch der Unterschied ist offenbar nicht entscheidend für den Geschmack.

Doch nun zum Artikel selbst. Wer nicht selbst lesen will, der bekommt hier die Kurzfassung: Beide großen Billigmarken (obwohl Sternburg mit 600.000 Hektolitern nicht einmal ein Zehntel des Oettinger-Ausstoßes hat) leben davon, ihre bodenständige, einfache Art zu betonen. Oettinger tut dies durch Pragmatismus (Alle möchten Bier, wir machen Bier für alle.), Sternburg über das Bier als Mittel zur Solidarisierung im Proletariat. Arm aber sexy, und dazu ehrlich. Beide suchen den Kontrast zu teuren Bierspezialitäten, denen diese Ehrlichkeit und Bodenständigkeit offenbar fehlt. Bier ist der große Gleichmacher, der über Einkommensgrenzen und soziale Stratifikation hinweg verbindet.

Wenden wir diese interessanten Beobachtungen auf das im vorherigen Artikel bereits diskutierte Image von Craft Beer an, ergibt sich ein interessanter Konflikt: Sowohl das obere Ende des Preisspektrums als auch das untere nehmen Authentizität und Bodenständigkeit für sich in Anspruch. Letztlich wird einer der Hauptkritikpunkte am Industriebier, nämlich der des kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenners, als Stärke gefeiert, als verbindendes Element. Einerseits “ein Bier für alle”, andererseits “ein Bier für jeden”. Das vielbeschworene Oettinger IPA bleibt also wohl vorerst aus, auch wenn Lidl mit der Steam-Reihe uns schon ganz gut vor Augen geführt hat, wie so etwas aussehen würde.

Hefezellen legen den Genschalter um

Mit den kleinen Pilzsporen wird seit Louis Pasteur ordentlich experimentiert. Auch davor haben wir Hefen bereits mehr oder weniger unbewusst gezüchtet, und manche sind gar von Anfang an Teil von unserem Organismus.
Bisher ging man davon aus, dass für die Hefezellen eine drastische Veränderung ihres Erbguts notwendig war, um die vor ca. 150 Mio. Jahren erstmals auftretenden Süßfrüchte (keine Birnen für den Diplodocus, wie tragisch) verwerten zu können. Man nennt dies den Crabtree-Effekt, der absolut nichts mit Krabben und nur recht wenig mit Bäumen (von denen die Früchte fielen) zu tun hat, sondern nach Herbert Grace Crabtree benannt ist.

Der Crabtree-Effekt verschafft gärenden Hefen auch aufgrund der antiseptischen Wirkung von Alkohol einen Evolutionsvorteil in zuckerreichen Umgebungen. Der Mensch bediente sich dieser Wirkung, um z.B. schädliche Mikroorganismen zu eliminieren, weshalb das oft kontaminierte Wasser lange Zeit hinter leichtem Bier als Standardgetränk zurückstand.

Nun hat die Universität für Bodenkultur Wien herausgefunden, dass es offenbar zwölf für den Stoffwechsel mitverantwortliche Gene gibt, deren Funktion in dieser evolutionären Phase “aufgedreht” wurde, um die süßen Früchtchen vergären zu können und so Energie zu gewinnen. Dieser Prozess lässt sich reproduzieren, und soll nun auf Hefestämme angewendet werden, die diese Fähigkeit nicht natürlich entwickelt haben. Dadurch ergeben sich zahlreiche neue Anwendungsmöglichkeiten, zum Beispiel spielt Milchsäuregärung in der Krebsforschung eine Rolle. Natürlich auch beim Bier, die Berliner Weisse lässt grüßen.

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Photo Credit: Trillium Brewery

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