Urban Beering: Unterwegs in Dresden.

Urban Beering: Unterwegs in Dresden.

Was in Dresden eigentlich am schönsten ist, das sind all die Menschen, denen es wumpe ist, dass das World-Gothic-Treffen in Leipzig stattfindet. Kann man hier jeden Tag machen. Die es genauso stört wie die Schwaben, wegen dieses teuflisch verschluckten »R«s mit diesen verwechselt zu werden, und die sich irgendwie daran gewöhnt zu haben scheinen, dass Hypes unwichtig sind. Beispielsweise in Sachen Bier.

Es wird sehr viel gebaut derzeit in Dresden. Die Tram vom Hauptbahnhof zum Pirnaischen Platz fährt nicht, die Augustusbrücke ist noch immer von unfotogenem gelbem Plastik übersät, und auch am Panorama der Frauenkirche ragen Kräne hervor.

Das macht aber nichts, denn irgendwie ist Dresden immer under construction, und im Gegensatz zu Städten wie Berlin funktioniert im öffentlichen Verkehr auch noch zu viel, als dass man sich darüber ernstlich aufregen könnte. Der Platz um die Frauenkirche ist, wie Plätze dieser Natur so oft sind, voller Menschen, die Riesenseifenblasen machen, feuerschlucken oder singen. Und das mit Vorliebe in russischer Sprache, begleitet von einem Akkordeon.

Ganz konkret ist das in der Regel »Kasatschok«. Zumindest in der Fußgängerzone und rund um die Frauenkirche ist es beinah unmöglich, einige Minuten ohne Petruschka, Iwan und Nikolaja zu sein. Macht aber nichts, denn nach nur wenigen Minuten hat das Hirn die Texte aus dem Musikunterricht der sechsten Klasse wieder hervorgekramt: »Heute Nacht geht keiner von uns schlafen / Heute Nacht ist überall Musik / Jedes Haus jeder Hof jede Straße / ist voll Glanz der schnell den Kopf verdreht / Süßer Wein heller Wodka im Glase / und ein Tanz / der in die Beine geht.« Es ist eine melancholische Bodenständigkeit, die Dresden besonders macht.

 »Hey, hey, hey …«

Es ist Anfang Juli, die Temperatur weiß das und verhält sich entsprechend. Die einzig logische Konsequenz ist ein Bier von »Konsum«, der Dresdner Konsumgenossenschaft schlechthin, von deren 25 Märkten sich nur eine einzige nach Nürnberg verlaufen hat. »Konsum« ist, zumindest in der Ausführung neben der Frauenkirche, eine Art von übersortiertem »Späti«, es gibt außer Bier Stollen, Dresdner Essenz und Eierlikör.

Für uns gibt es an diesem Julifreitag das »Vier Vogel Pils« und ein »Feldschlösschen«. Das Vogelbier gewinnt diesen Zweikampf mit einer fruchtigen, zu Grapefruit tendierenden Säure, welche die etwas metallischen Noten des Schlösschens schlägt. »Vier Vogel Pils« ist eine in Kolumbien entstandene Idee vierer Freunde, die, und das ist sehr schön, »frischperlend von der Tristesse der Postmoderne [ablenkt] und auf das [fokussiert], was ewig hält und bindet. Liebe? Nein. Alkohol.« Da ist sie, die Dresdner Realness.

Das »Vier Vogel Pils« hat sich dadurch zum Wegbegleiter in die Dresdner Neustadt qualifiziert, über die in Baumaterial gekleidete Augustusbrücke, vorbei am Goldenen Reiter, der Neustädter Markthalle, auf die Rothenburger Straße. Mit einem kleinen Abstecher zur Rechten, dem Bautzner Tor. Ein Wirtshaus an der gleichnamigen Haltestelle präsentiert sich mit süddeutsch angehauchter Karte in puncto Trollinger, bleibt der Dresdner Küche aber treu mit Soljanka, gefolgt von mit Würzfleisch überbackenem Schweinesteak.

Mit Bautzner Senf auf der Zunge und Joachim Witt’s »Goldenem Reiter« im Ohr geht es in Richtung »Hopfenkult Craft Beer Store«. Inmitten der Kunsthof-Passagen, genauer gesagt im Hof der Elemente, befindet sich Dresdens bestsortierter Ort für handwerklich gebraute Biere in über 300 Ausführungen. Wir trinken ein »Hop on Top – Ruby Red«, neben dem »Vier Vogel Bier« die einzige Kreativbrauerei in Dresden.

Das Ruby Red ist das erste Versuchsergebnis der Hop on Top Crew, damals noch als Hobbybrauer. Es ist ein Red Ale und schmeckt würzig süß, ein wenig harzig – wenn in den Tropen Tannen wüchsen, es röche vermutlich ähnlich. Die neue Store-Managerin Barbara empfiehlt das »Hop Hooray« von Sud Ost, das derzeit beliebteste Bier der Hopfenkult Top Ten. Und das mit Fug und Recht, denn es schmeckt … und wie!

Wir wollen einige Meter weiter in die Zapfanstalt ziehen, Barbara packt einen Kasten Bier und schließt sich uns an, denn sie hält jetzt ein Tasting dort. Wir passieren die äußerst charmante »Familieneinkehr Hebedas«, aus den Boxen tönt dumpf:

»… ich war der Goldene Reiter …«

… und es ist jetzt schon völlig klar, dass dieses Lied das Wochenende überlebt. Der Goldene Reiter, das ist eigentlich die goldene Statue am Neustädter Ufer der Elbe, ein sich aufbäumender Lipizzanerhengst, auf dem August der Starke thront, sächsischer Kurfürst und polnischer König. Seine Darstellung als römischer Imperator deutet auf seine Ambition, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation zu werden.

Das ist in der Tat recht ambitioniert. Witt singt weiter »… Ich war so hoch auf der Leiter / Dann fiel ich ab / Ja dann fiel ich ab«. Was Größenwahn angeht, so gibt es da scheinbar deutliche Referenzen; zumindest historisch gesehen. Was den geographischen Bezug angeht, so könnte mit der »Fahrt in die Klinik«, auf der er nochmal »die Lichter der Stadt« sieht, das Sächsische Krankenhaus Arnsdorf gemeint sein – das während der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht besonders gut reden von sich gemacht hatte. Heute ist die Dresdner Drogenszene, nach Berliner Maßstäben, keine, die Negativschlagzeilen macht; im Gegenteil, gemäß eines aktuellen Suchtberichts ist die in Dresden meist verbreitete »Droge« nach dem Alkohol die Spielsucht.

Wenden wir uns daher besser wieder dem Alkohol zu. In der Zapfanstalt ist es noch leer, logisch, in zwanzig Minuten erst beginnt Barbaras Tasting und es bleibt noch Zeit für einen Schnack über die Dresdner Bierkultur: »Wir Dresdner sind froh, wenn hier nicht gleich alle bei jedem Hype durchdrehen und mitmachen«, erzählt sie und präpariert ihre sieben Biere verschiedener Stile auf dem Tisch. Wer sich gleichermaßen über fortgeschrittene Kreativbiertrinker wie über interessierte Vorstadtneulinge freut, hat eigentlich gewonnen. Donnerstags und freitags ist bei ihr übrigens »Open Bottle Night«: fünf verschiedene Biere für zwei Euro, da kann man nichts sagen. Bloß hingehen.

Willkommen am Assi-Eck

Die Sonne hängt tief über den gemütlichen Gassen der Neustadt, links Pelmeni, rechts die »Marschration«, eine Mischung aus drei Kanten Brot, Hackfleisch, Pfefferwurst, Käsecreme, Pickles und einem Schnaps namens »Feldwässerchen«. Unsere Destination allerdings, ist die »Planwirtschaft« (Louisenstraße 20, 01099 Dresden), einem mittlerweile gehobeneren Ort, um sich Essen und Trinken einzuverleiben, als er es vor 28 Jahren war.

Damals war etwas mehr »Aufs-Maul-Trinken« angesagt, und so kommt die Planwirtschaft auch zu dem legendären Ruf, den sie heute pflegt. Es gibt deutsche Antipasti und argentinisches Rind, auch Gurken-Gin, Tonic-Süppchen und natürlich Bier en masse, wobei man gut daran tut, zunächst »Plane’s Kellerbier« zu versuchen, wenn man schon dort ist. Schmeckt würzig und pfeffrig, ein bisschen mineralisch und nach geröstetem Malz. Geht quasi immer.

Auf dem Nachhauseweg passieren wir »Horst«, den Ort, an dem das »Vier Vogel Bier« vom Fass ausgeschenkt wird, betrieben von den Erfindern des kolumbianischen Pils. »Kennen wir schon«, akzeptiert der Barmann nicht, weil’s aus der Flasche schließlich ganz anders schmeckt, und so lassen wir uns auf ein weiteres Glas ein, das »con mucho cariño« eingeschenkt wird, – und, Überraschung, es schmeckt deutlich frischer, noch fruchtiger, mit noch vollerem Mundgefühl. Im Erdgeschoss gibt’s Kulturveranstaltungen, und wenn irgendein Ort in Dresden dem Begriff »Horst« gerecht wird, dann ist es dieses wohnliche Nest mit Vogelbier am Zapfhahn.

Auf dem Weg zurück in die Altstadt gen Elbe sei geraten, ein Wegbier aufzuschnappen, wenn man denn noch kann. Denn es wartet das berühmte »Assi-Eck«. In der Gewohnheit, dass Orte, die Facebook anzeigt, irgendeine Form von Raumdefinition haben, steht man am Assi-Eck gewissermaßen wie der berüchtigte Ochs vorm Berg. Louisenstraße 42, sagt das Internet,  »gleich hier, an der Kreuzung«, meint die Passantin vor »Horst«. Es muss ganz nah sein. Mit den ersten biertrinkenden Freibäuchen, die sich peu à peu niederlassen, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Willkommen im Assi-Eck!

Radeberger! Radeberger!

Das schreit nach einem Ausflug ins Grüne. Ob auf einem goldenen Hengst oder zu Rad, der Weg nach Pieschen verläuft entlang der Elbe, vorbei an dem schmucken Tabakkontor Yenidze, dessen Schornsteine eine Minarett-Form haben (weil Fabrikschornsteine zur Bauzeit um die Jahrhundertwende nicht erwünscht waren), über die Brücke, am alten Schlachthof vorbei in Richtung Ball- und Brauhaus Watzke.

Hier sollte man einen »Dreier-Pfiff« probieren, bestehend aus dem Pils, dem Altpirschner Spezial und dem hellen Weizen; selbige Stattlichkeit, statt Wasser aber Blasmusik, findet man im »Brauhaus am Waldschlösschen«. Wer es bislang ohne Würzfleisch geschafft hat, muss hier schließlich zuschlagen und sich das überbackene Hähnchengeschnetzelte mit »Uschi’s Gurkensalat« einverleiben.

Auf unserer letzten Station kehren wir zur Stärkung vor der Heimreise im Freiberger Schankhaus ein. Es gibt Freiberger Bierkäse, ein in Schwarzbier eingelegter Harzerkäse, mit vielen Zwiebeln und sächsische »Kartoffelklitscher« (also: -puffer). Dazu Freiberger Pils und den Freiberger Bockbierbrand: hat man gewiss beides schon einmal spektakulärer getrunken, allerdings sollte man sich für spektakuläre Bier-Ereignisse auch nicht an die Frauenkirche begeben. Immerhin gibt es ansonsten noch das »Augustiner an der Frauenkirche«. Wo es – Vorsicht, Spoiler! – überhaupt kein lokales Bier gibt. Zumindest ein Radeberger hätte man mit aufnehmen können. Weil man »Radeberger« in einem Text über Bier in Dresden doch auch erwähnt haben sollte.

 

Dieser Artikels erschien erstmals in der Print-Ausgabe 3-2018 von BIER, BARS & BRAUER. Gefällt Ihnen dieser Artikel? Vielleicht interessieren Sie sich dann auch für unseren Newsletter? Oder möchten unsere Arbeit durch ein Abonnement unserer Print-Ausgabe unterstützen? Wir versprechen vier Mal im Jahr 100% Bier!

Photo Credits: Renate Reichert

WRITE A COMMENT