Road Trippin‘ & Beer Sippin‘: Kölsch auf Amerikanisch

Road Trippin‘ & Beer Sippin‘: Kölsch auf Amerikanisch

Bier von der amerikanischen Westküste ist in Deutschland längst kein Geheimtipp mehr. Anlass für unseren Autor Sven Schoene, drei Bundesstaaten der USA zu bereisen, um talentierten Brauern in die Sudkessel zu blicken. Dabei stößt er überall auf ein heimisches Getränk – Kölsch.

Von San Diego in Süd-Kalifornien, unmittelbar an der mexikanischen Grenze, bis nach Seattle im Norden des US-Bundesstaates Washington State sind es rund 2.000 Kilometer. Die Landschaften, durch die die Highways in den Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington führen, sind atemberaubend.

Die sechstägige Reise führt über zwei der schönsten Straßen der Welt: den Pacific Coast Highway und den Oregon Coast Highway. Es geht an schroffen Küsten vorbei und stundenlang durch Mammutbaum-Wälder hindurch. Das ist der Plan: Autofahren, laut Musik hören, gutes Bier von Mikrobrauern trinken und interessante Menschen treffen – wie kann man seine Zeit besser verbringen?

Start in San Diego

Die Reise beginnt in der 1,5 Millionenstadt San Diego bei Coronado Island Brewing Co. In einem Industriegelände außerhalb des Stadtzentrums finde ich die Brauerei und den Schankraum, in einer Lagerhalle untergebracht. Die Malzsäcke lagern auf Europaletten und täglich kommt ein Foodtruck. Auf dem Tastingboard warten fünf Biere mit nautischen Namen: Seacoast Pilsener, Mermaids Red, Islander IPA, Coronado Coffee Stout und ein Kolsch (ohne ö). Moment mal, ein Kölsch?

Das helle Bier aus Opas Eckkneipe schien in San Diego an diesem heißen Nachmittag fast auf jedem Tisch zu stehen. Ist der in Deutschland eher unbeachtete Stil in den USA ein Liebling der Mikrobrauer? Da mir der Barmann bei Coronado Island diese Frage spontan nicht beantworten kann, mache ich für die kommenden Besuche meiner Reise Termine mit den Brauern oder Gründern.

Am kommenden Tag geht es auf der Interstate 5 in knapp drei Stunden nach Los Angeles zu Kale (Mitgründer) und Josiah (Brauer) von Iron Triangle Brewing. Brauhaus und Schankraum liegen im industriellen Teil des Art Districts am LA River. Von außen vermutet man eher eine Autowerkstatt, Innen empfängt aber eine beeindruckende, massive, deckenhohe Bar aus dunklem Holz. Die Atmosphäre erinnert an einen gemütlichen englischen Pub. Die gut sichtbare Brauanlage produziert 240.000 Liter im Jahr.

Es ist 13 Uhr und wir trinken uns durch das gesamte Sortiment der ehemaligen Homebrewer. Die Produktpalette reicht von IPAs über Pale Ales und Bockbier. Alle Biere, egal welchen Stils, schmecken seidenweich und tragen die Handschrift von Josiah. Dazu reichen sie ihre selber gemachte Salami, eingelegte Oliven und andere hausgemachte Barsnacks.

Am Abend steht ein Besuch bei der Eagle Rock Brewery in Glendale an, die 2009 die erste Kreativbier-Brauerei im Raum L.A. war und von den Gründern geführt wird. Wieder sind die Brauerei, die 400.000 Liter im Jahr produziert, und Schankraum in einer Lagerhalle untergebracht. Diesmal schallt Skate-Punk aus den Lautsprechern. Die dienstälteste Brauerei im Raum Los Angeles präsentiert sich jung, mit Tattoos, bunten 0,5 Liter Dosen und einem sehr entspannten Jeremy (Sohn und Brauer). Seine Frau Ting leitet die hausinterne Veranstaltung „Womens Beer Forum“ und gibt Braukurse exklusiv für Frauen. Abgefüllt wird mittels einer, nach Bedarf gemieteten, mobilen Canning-line.

Kölsch für den USA-Einsteiger

Die Bierstile am Hahn kann man als ausgefallen bezeichnen (vom Witbier über ein Sauerbier zum Stout). Und, auch hier muss ich sagen, ich bin hingerissen von Jeremys Braukunst. Er scherzt, dass es wahrscheinlich an den Mineralien im Brauwasser liegt. Er kann mir auch erklären, was es mit dem Kölsch-Trend auf sich hat. Es ist „sessionable“, kann also einfach (und viel) getrunken werden. Zudem ist es ein leichtes Einsteigerbier: „Es ist ein klassisches, leichtes Bier.“ Damit ist es auch für Nicht-Biertrinker geeignet, die sonst eher zu den US-Klassikern Miller, Coors oder Bud-Light greifen.

Am kommenden Tag steht Santa Barbara auf dem Plan. Der Küstenort ist für seine Weinanbaugebiete bekannt, ABER es gibt eine Kreativbier-Szene und den Witz, dass die Brauereien so gut laufen, weil die Herren dort ihre Zeit verbringen, während die Damen die Weine verkosten und einkaufen.

Ein Bier für den Strand

Ich treffe Kevin (Brauer) von Figueroa Mountain, der erzählt, dass das Familienunternehmen mittlerweile fünf Schankräume und vier Brauereien im Radius von 80 Kilometern betreibt. Aus dem Viermann-Betrieb ist in den letzten sieben Jahren ein Unternehmen mit 150 Mitarbeitern entstanden. Die Eigentümer-Familie Dietenhöfer hat eine deutsche Geschichte und somit standen auch die Bierstile fest: „Es ist eine gute Übung, klassische deutsche Stile zu brauen, um die Geschichte des Brauens zu lernen. Zudem zollen wir der deutschen Bierhistorie Tribut. Ein Kölsch wie unser FMB 101 ist in Kalifornien ein gutes, erfrischendes Bier für den Strand.“ Dem kann ich nur zustimmen, das Kölsch schmeckt leicht und crisp!

Vor dem Sonnenuntergang auf dem Santa Barbara Pier geht es noch eben ohne Termin zur Island Brewing Company, die in dem verschlafenen Ort Carpinteria direkt an den Eisenbahngleisen ihre Brauerei aufgeschlagen haben. Kommt ein Zug, fährt er nur einige Meter von meinem Tisch vorbei. Mit den im Dunst liegenden Bergen des Los Padres Nationalparks im Rücken trinke ich ein Avocado Honey Ale, das nach einem langen Tag nicht besser schmecken könnte.

Hipster und Kreativbier-Nerds

Am kommenden Morgen geht es früh weiter nach San Francisco. Die knapp 500 Kilometer lange Strecke führt direkt an der malerischen Küste auf dem Pacific Coast Highway über unzählige Art déco-Brücken aus den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Die viertgrößte Stadt der USA ist bekannt für die Golden Gate Bridge, Alcatraz, die Cable Cars und natürlich die Verfolgungsjagd in dem Kultfilm Bullitt mit Steve McQueen. In meinem Dodge Challenger rolle ich langsam bei Barebottle Brewing auf den Parkplatz. Die Lagerhalle liegt sehr zentral und das Gelände ist perfekt für eine Brauerei. Es gibt genug Platz, einen Außenbereich und Parkplätze für die Gäste. Ich erfahre von dem sehr professionell auftretenden Mitgründer Mike, dass sie ihrem Vermieter versprechen mussten, ihn einmal im Monat mit seiner Band in den Räumen von Barebottle spielen zu lassen.

Beide Gründer waren jahrelang Heimbrauer und Richter bei Brauwettbewerben. Daher kommt auch der Name, denn die Jury trinkt bei der Blindverkostung aus einer Flasche ohne Etikett, einer sogenannten Barebottle. Während Mike die Gründungsgeschichte erzählt, baut und füllt er zahlreiche Gläser vor uns auf. Die Biere schmecken so gut und rund als wären sie nicht von dieser Welt. Auch hier trinke ich ein Hammer-Kölsch. Zu meiner Frage nach dem „warum“ sagt er, dass der Stil leicht zu trinken und schnell herzustellen sei, eben Lager-like. „Es gefällt Hipstern und Craft Beer-Nerds.“

Zu Gast bei lachenden Mönchen

Ich mache mich auf den Weg zu meinem nächsten Treffen mit Seven Stills Brewery & Distillery. Das Konzept ist natürlich genial, denn wenn man schon Maische herstellt, kann man sowohl brauen als auch brennen. Leider ist an diesem Nachmittag niemand zu sprechen, so dass ich lediglich ein Barrel Aged Coffee Stout trinke und schwer verliebt (in den Bierstil) eine Tür weiter auf Bruder Andrew von der Laughing Monk Brewery stoße.

Der Mann ist eine Offenbarung! Seine Brauerei und der Schankraum sind erst kurz geöffnet und der ehemalige High School-Lehrer und Ex-Lobbyist einer Fahrrad-Vereinigung ist mittlerweile „Interessenvertreter für die Gemeinschaft der Brauer“. Er finanziert seine Brauerei selbst, nachdem er als Homebrewer seine eigenen Rezepte entwickelt und perfektioniert hat.

Am Hahn finden sich belgische und kalifornische Bierstile. Die Mischung entspricht seinem persönlichen Geschmack, denn Bruder Andrew ist ein Liebhaber der kulinarischen Sterneküche und er mag Bier, das man zu gutem Essen trinken kann. So schmecken seine Biere auch. Der Mann ist wie gesagt eine Offenbarung!

Und weil Mönche nicht nur gerne essen, sondern auch Gutes tun, sammelt er Spenden auf monatlichen Veranstaltungen für die Nachbarschaft der Brauerei (3rd Street und Egbert Avenue). Zum Abschied füllt er mir noch eine Dose seines Belgium Tripels ab, das ich am Abend mit Freunden in San Francisco trinke. Die beiden Tester mögen eigentlich kein Bier (ja, ja, …) und kommen nach ein paar Schluck aus dem Schwärmen nicht mehr raus. Zufrieden wie Mönche gehen wir schlafen.

USA goes Kölsch: nur drei Wochen vom Brauen bis zum Genuss

Am nächsten Tag steht die letzte Etappe an, Seattle. Die Stadt, aus der laute Gitarrenmusik von Kurt Cobain und Jimi Hendrix kommt. Allerdings liegt Seattle heute unter einer dichten Smogdecke, die von den Waldbränden in Kanada herrührt.

Mein erster Besuch gilt Steve von Cloudburst Brewing. Schankraum und Brauerei liegen sehr zentral, fast am touristischen Pier. Drinnen empfängt mich ein sehr entspannter Steve, den man eher in einem Surf-Shop vermuten würde. Lange Haare, entspannte Attitüde. Die spiegelt sich auch in der Art, die Brauerei zu führen, wieder. Alles, was gebraut wird, gibt es nur vom Hahn oder im Growler (oder im Keg). Es gibt keine Tasting Flights, nur normale Gläser. Wenn ein Bier verkauft ist, brauen sie ein anderes. Was seine Kunden wollen, scheint Steve nicht wichtig zu sein – und dafür scheinen die Gäste Cloudburst Brewing zu lieben.

„Es ist uns total egal, was unsere Gäste wollen“, sagt er mit einem breiten Grinsen. Das stimmt natürlich nur, wenn es um Konformität in der Bierbranche geht. Denn Steve ist so etwas wie ein Star der Szene in Seattle, nachdem er vor Cloudburst in insgesamt zehn Brauereien Head Brewer war. Von ihm will ich natürlich auch wissen, warum Kölsch? „Es ist einfach zu produzieren, es dauert nur drei Wochen vom Brauen bis zum Genuss.“

Frisch aus der Zahnarztpraxis

Der Abschluss und irgendwie auch der Höhepunkt des Roadtrips finden bei Les, dem Besitzer, Brauer und Mastermind von Perihelion Brewing statt. Die Mikrobrauerei befindet sich in einem Bungalow, mitten in einem Wohngebiet oberhalb von Seattle. Der 62-jährige Les schaut mit der Brauerei auf seine mittlerweile dritte Karriere – und die läuft blendend. Auch er war, wie viel seiner Kollegen, jahrelang Homebrewer uns ist dann auf eine professionelle Anlage umgestiegen.

Der Bungalow, in dem Les und seine Frau derzeit brauen und einen Schankraum mit Restaurant betreiben, war früher eine Zahnarztpraxis. Und das ist Les Erfolgsgeheimnis. Er bietet der Nachbarschaft in dem kleinen Wohngebiet gutes Essen, hervorragende Biere, Bierkunde und freundlichen Service. Es arbeiten hauptsächlich Freunde im Service, die die Gäste mit Bierwissen versorgen. Seine Produktstrategie? „Belgian Ales!“, ruft Les voller Freude.

Seine Biere schmecken fantastisch, besonders das Hot Pepper Ale, das zum Glück keine Chilischärfe, sondern nur eine leichte Note von gerösteten Pfefferschoten hat. Zum Abschied öffnet Les sein geheimes Lager, in dem er allerlei unbeschriftete 0,75 Liter Flaschen lagert. Zwei davon drückt er mir in die Hand, sie enthalten Barrel Aged Dark Matter, neun Monate gereift in Wild Turkey Whiskey Fässern mit 7,8% ABV 5 IBU

USA und Kölsch passen wunderbar zusammen

 Mit einem Kofferraum voller Growler, Dosen und Six-Packs mache ich mich auf den Rückweg nach Los Angeles, um meine amerikanischen (nicht biertrinkenden Freunde) von der Vielfalt und Handwerkskunst ihrer eigenen Brauer zu überzeugen. Und amerikanisches Kölsch darf dabei natürlich nicht fehlen.

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