Friede bei der Wacken-Götterfehde? Von wegen.

Friede bei der Wacken-Götterfehde? Von wegen.

„Beer of the Gods“. Die Wacken Brauerei braut nach eigener Aussage nicht nur göttlich, die schleswig-holsteinische Brauerei hat sich jüngst das Markenrecht auf gleich mehrere nordische Götternamen gesichert. Das kommt bei den skandinavischen Braukollegen nicht wirklich gut an. Munkebo Brewery-Chef Claus Christensen sieht rot. Und verweigert die Kommunikation.

Helge Pahl, Chef der Wacken Brauerei, versteht die Aufregung um den markenrechtlichen Schutz seiner Biernamen nicht wirklich. Vor allem aber verblüfft ihn die Intensität dieses Streits. Sogar Todesdrohungen soll es gegeben haben. Dabei ist der Vorgang, sich Marken und Namen schützen zu lassen, aus seiner Sicht ein ganz normaler. „Grundsätzlich sollte ein Unternehmen tunlichst alle Namen, die es für seine Produkte verwenden will, markenrechtlich schützen lassen“, sagt er. „Wenn man das nicht macht, kann es jeder andere jederzeit später machen und hat damit Anspruch auf alleinige Nutzung der Namen.“

Göttliches Markenrecht der Wacken Brauerei

Was logisch und alltäglich klingt, entpuppt sich als emotionales Thema, das die Gemüter in Skandinavien kräftig in Wallung brachte. Doch worum geht’s hier eigentlich? In Wacken setzt man auf die göttliche Macht – und bezieht sich bei der Betitelung der Biere auf die Sagenwelt des germanisch-nordischen Pantheons. Crafty Loki oder Walkürenschluck heißen ihre Biere. Alle Namen hat die Wacken Brauerei jüngst europaweit markenrechtlich schützen lassen. Vier ihrer Markenrecht-Registrierungen wurde widersprochen. Von den verbleibenden registrierten Namen beziehen sich sieben auf nordisch-germanische Götter. Ragnarök, Baldur oder Sleipnir stehen jetzt unter dem Markenschutz der Wacken-Brauerei.

Diese Tatsache sorgt für Aufregung. Aus zweierlei Gründen: Zum einen sind diese Namen so allgemeingültig, dass auch andere Brauereien, bevorzugt aus dem skandinavischen Raum, Namen wie diese nutzten und nutzen. Die schwedische Brauerei Walhöll  zum Beispiel. Oder Claus Christensen von der Munkebo Brewery auf der dänischen Insel Lolland bei Fehmarn.  Und der erkennt in dieser Thematik noch eine zweite, für ihn nicht unwichtigere Ebene: die der kulturellen Identität. „Warum glaubt eine deutsche Brauerei, sie habe das Recht, sich Götternamen aus der germanisch-nordischen Mythologie schützen zu lassen“, schreibt er erbost in seiner Mail an unsere Redaktion. Er verweist auf das „Jedermanns-Recht“, schließlich handele es sich um allgemeine Begriffe aus der Kulturgeschichte und betont gleichzeitig die „First Use“-Regelung. Die Munkebo Brewery hätte, so Christensen, die umstrittenen Namen „Baldur“, „Sleipnir“ und „Ragnarök“ seit 2013 verwendet  – also drei Jahre länger als die Jungs aus Wacken. Wie stichhaltig Christensens Argumente sind, ist noch unklar und muss juristisch geprüft werden. Klar ist aber: Christensen sieht rot. Wer seine Facebook-Seite*besucht, merkt, wie emotional dieses Thema für ihn ist. Hier geht es, so scheint es, schon längst nicht mehr um Götternamen alleine.

Wacken Brauerei bezieht sich auf Beispiele im Markenrecht

Man mag die Entscheidung der Wacken Brauerei-Geschäftsführer Helge und Hendrik Pahl, ihre Biernamen schützen zu lassen, nachvollziehen können, zudem sie nicht die ersten sind, die diesen Weg gehen. „Alle möglichen Götter müssen für allerlei Zeugs herhalten“, sagt Helge Pahl. „Es gibt unzählige Beispiele. Alle zeigen, dass Namen mit religiös-mythologischen Bezug durchaus schützbar im Sinne des vorherrschenden Markenrechts sind. Wenn sie es nicht wären, was wir begrüßten, hätten wir uns eine Menge Geld gespart.“

Im Übrigen besäße die dänische Brauereikette Royal Unibrew seit Jahrzehnten die Markenrechte für die beiden höchsten germanisch-nordischen Gottheiten „Thor“ und „Odin“. Auch die römische Göttin der Landwirtschaft „Ceres“, sei von den Dänen seit etlichen Jahren als Marke für Bier registriert. „Wenn man auf der Front Ruhe haben möchte, muss man das Spiel leider mitspielen“, fasst Helge Pahl zusammen. „Das haben wir uns nicht ausgedacht.“

Auch seiner Argumentation bezüglich des Vorwurfs Christensens, sich an skandinavischem Kulturgut vergriffen zu haben, kann man folgen. „Unsere Brauerei liegt in Schleswig-Holstein. Dieser nördlichste Teil Deutschlands war über 400 Jahre unter dänischer Herrschaft. Schleswig-Holstein ist Wikingerland. Das vor kurzem als UNESCO Weltkulturerbe ernannte Museum Haithabu, eine der größten Wikingersiedlungen überhaupt, ist rund 55 Kilometer von uns entfernt. Wahrscheinlich haben in Wacken vor 1.000 Jahren keine ‚Wikinger‘ gesiedelt, aber es waren (Nieder-)Sachsen und möglicherweise Jüten.  Alle germanischen Stämme hatten bis zur Christianisierung dieselben Götter, dieselbe heidnische Religion. Somit ist die germanische Mythologie auch gleichermaßen das kulturelle Erbe aller Nachfahren dieser Stämme, ob sie nun in Bayern, Holland, Schweiz, England oder Schweden leben.“ Kurz:  Der Vorwurf der kulturellen Aneignung ist aus seiner Sicht schlicht haltlos. Und man merkt: Der gesamte Vorgang nimmt auch ihn emotional mit.

Wacken Brauerei und der Kommunikations-Super-GAU

Dennoch, was unverständlich bleibt und das deutsch-dänische Brauklima vielleicht sogar völlig unnötig belastet, ist die Art und Weise, wie die sonst so sympathischen Wacken Brauerei-Inhaber ihre Mitbewerber und Kollegen über den europaweiten Schutz der Namen informierten: mit einer Abmahnung vom Anwalt.

Obwohl, das Wort Abmahnung möchte Helge Pahl so nicht stehen lassen. „Es handelte sich nicht um Abmahnungen im klassischen Sinn. Wir hatten ein paar Brauereien angeschrieben und gebeten, die Verwendung der Namen einzustellen“, sagt er. Es hätte dabei keine Kostennote, wie es normalerweise bei Abmahnungen üblich ist, gegeben. „Als wir vor ein paar Wochen merkten, dass einige der von uns registrierten Namen auch von anderen Brauereien verwendet wurden, haben wir dazu unseren Anwalt konsultiert“, schildert er ihr Vorgehen. „Er riet uns, gegen den Gebrauch vorzugehen, um die Markenrechte zu verteidigen.“

Das sei juristische Praxis, weil die Rechtssprechung dahingegen tendiere, dass derjenige, der die Benutzung seiner Marke durch andere wissentlich toleriere, sein Markenrecht verliere. „Die Munkebo Brauerei verwendet unter anderem drei Namen, die wir für Bier registriert haben. Unser Anwalt hat dann ein Schreiben verfasst mit der Aufforderung, die Benutzung einzustellen.“ Verschickt wurde das Schreiben per Mail, im schönsten Jura-Slang. Das hat einen bitteren Beigeschmack und entspricht so gar nicht dem sonst üblichen kollegialen Verhalten, dem sich die Kreativ-Brauszene verpflichtet fühlt. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie sich die „paar Brauereien“ bei der Lektüre dieser Mail fühlten. Man kann es drehen und wenden wie man will: Das war ein Fehler.

Wacken BrauereiDem Blackout folgen Bierfestivals?

Claus Christensen jedenfalls geht in die Offensive. Das Thema hat inzwischen mediale Aufmerksamkeit erreicht. Nicht immer sei die Berichterstattung korrekt, bemängelt Helge Pahl. „Zum Teil wurden auch völlig falsche Sachen behauptet. Es stand fast überall, wir hätten 23 Götternamen „patentiert“, darunter auch ‚Thor’“. Was einfach falsch sei.

Trotzdem, auch Pahl weiß, der Wirbel kommt nicht ganz unverschuldet. „Wir haben das Schreiben verschickt, ohne weiter groß darüber nachzudenken. Leider. Das wurde dem eher freundschaftlichen Umgang in der Craft Beer-Szene sicher nicht gerecht. Irgendwie hatten wir da einen Blackout und sind einfach blind diesem juristischen Rat gefolgt, anstatt mal dem gesunden Menschenverstand zu lauschen und in unsere Herzen zu horchen“, sagt er. „Wir bedauern unser Vorgehen und haben uns für die Art und Weise entschuldigt und allen betroffenen Brauern Gespräche und Lösungen angeboten.“

Eine der Lösungen sei, dass diese Namen für ihre Biere weiter benutzen könnten, und zwar unter EU-weitem Markenschutz. „Wir streben eine engere Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung der Brauereien mit nordisch-mythologischem Background an. Gemeinsame Bierfestivals, gemeinsames Marketing, Collaborationbrews, Erfahrungs- und Gedankenaustausch und natürlich auch die Lösung von möglichen zukünftigen markenrechtlichen Auseinandersetzungen.“

Die Stimmung bleibt vergiftet

Das Feedback fast aller Brauereien auf Pahls Entgegenkommen sei positiv gewesen. Außer das von Claus Christensen. Mehrfach hätte der Däne Dialog-Angebote ausgeschlagen. „Auf meinen wiederholten Vorschlag, ihn doch zu besuchen, bot er schließlich ein Gespräch mit ihm, seinem Rechtsanwalt und dem Vorstand der dänischen Asatru-Bewegung an“, erklärt Helge Pahl .

Die Asatru-Bewegung setzt sich für die Pflege und Neubelebung religiös ethnischer Riten ein. Auch die Bewahrung von Götternamen fällt in diesen Bereich. Das Treffen fand allerdings nie statt. „Als wir auf Facebook öffentlich angekündigt hatten, dass wir den betroffenen Brauereien angeboten haben, die Namen europaweit weiterbenutzen können und dass wir eine engere Zusammenarbeit aller Brauereien mit ’nordischem‘ Thema angeregt haben, hat Claus Christensen plötzlich alles abgesagt.“ Auf Facebook schrieb Christensen wenig später, die ausgestreckte Hand der Wacken Brauerei-Geschäftsführer wäre voll von Dornen. Das klingt wenig versöhnlich.

Die Stimmung ist vergiftet, und es scheint, als würde Christensen den Rechtsweg beschreiten wollen. Ein direkter Dialog mit den Pahls scheint derzeit nicht auf seiner Agenda zu stehen. Sein Ziel scheint eine grundlegende Änderung des Markenschutzrechts zu sein. In Pahls Augen wäre das ein schwieriges Unterfangen. „Wenngleich auch ich persönlich und grundsätzlich Markenrecht kritisch sehe, denke ich, dass es sehr unrealistisch ist, es entsprechend zu ändern. Es gibt in den 27 EU-Mitgliedsländern jeweils nationale Markenregister, dazu noch das EUIPO. Da sind sicherlich mehrere tausend Marken für alles Mögliche mit Bezug zu irgendeiner Mythologie registriert.“

Der Umweg zur Erkenntnis der Wacken Brauerei

Sie selber würden jetzt erst einmal abwarten, ob Christensen wirklich klagen wird. „Mit den anderen Brauern suchen wir, wie schon gesagt, engere Kooperationsmöglichkeiten. Ein gemeinsames Bierfest nächstes Jahr wäre toll. Schließlich eint uns, neben der Liebe zu gutem Bier, dass wir die mannigfaltigen, sagenumwobenen Geschichten der Mythologie erzählen wollen. Das geht doch gemeinsam viel besser als allein“, so die Macher der Wacken Brauerei.

Letzteres stimmt. Auch wenn man bei der Wacken Brauerei leider erst über Umwege zu dieser Erkenntnis kam. Ein gemeinschaftlicher Kompromiss ist mit Sicherheit der elegantere Weg, das Kind aus dem Brunnen zu fischen. Claus Christensen sieht das anders. Auf unsere Nachfrage berichtete er, dass er zum jetzigen Zeitpunkt mit seinem Anwalt die kommenden Schritte plane. Damit alle Brauereien die Götternamen wieder frei verwenden könnten.

 

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