Was gärt?! 10 Esther Isaak de Schmidt-Bohländer macht Schluss, Bierzauberer als Quiz-Champion, neues Trappistenbier und eine eigenwillige Studie zum Thema Craft Beer

Was gärt?! 10 Esther Isaak de Schmidt-Bohländer macht Schluss, Bierzauberer als Quiz-Champion, neues Trappistenbier und eine eigenwillige Studie zum Thema Craft Beer

Es wird wärmer und die News heißer! Mit Esther Isaak de Schmidt-Bohländer macht eine Hamburger Bierpionierin Schluss, eine Trappistenbrauerei in England legt los, ein Bierzauberer wird Quiz-Champion und mit dem Begriff Craft Beer ist es endgültig vorbei … oder doch nicht?

Craft Beer stirbt aus

Der Craft Beer-Trend frisst seine Kinder! Marktsegment im Niedergang! Glaubt man der Presse, so sind die Tage des diffusen Begriffes gezählt, denn ob nun “Craft”, “Crafty”, “True Independent Craft” oder der logische Gegenentwurf “False Independent Craft” (was immer das ist) – es befindet sich auf dem absteigenden Ast. Selbst unser 3B-Autor Sepp Wejwar startete dazu eine Rundfrage in der von ihm moderierten Facebook-Gruppe “(Craft-)Bier im deutschsprachigen Raum” und entzündete eine ausgedehnte (und eine für Facebook überraschenderweise überwiegend fundierte) Debatte.

Doch eben jenen deutschsprachigen Raum möchte ich hierfür ausklammern, denn erstens lässt sich die Begrifflichkeit nicht festnageln und somit schlecht analysieren, und zweitens beziehen sich die Hiobsbotschaften überwiegend auf den englischsprachigen Raum. Stein des Anstoßes war eine 57-seitige Studie des Marktforschungsinstituts GlobalData, deren Fazit ungefähr so übersetzt werden kann: “Craft Beer-Ermüdung lässt Bier- und Ciderkonsumenten im asiatisch-pazifischen Raum nach anderen Optionen suchen.”

Die Befragungen, die zu diesem Ergebnis führten, wurden weltweit durchgeführt, nur waren die Ergebnisse in diesen Gegenden besonders polarisierend. Der stets lesenswerte Pete Brown schaute sich die Studie an und kam zu dem Schluss: Die Ergebnisse sind durchaus interessant, aber für Kenner der Bierwelt weder großartig überraschend, noch deuten sie auf einen Kollaps hin. Vielmehr arbeiten Brauereien von Bierspezialitäten seit jeher unter diesen Voraussetzungen, die da wären:

  1. Eine bewusstere Ernährung führt zu weniger Konsum, dafür darf das Bier mehr kosten. Alkoholfreies Bier ist auf dem Vormarsch.
  2. Damit verbunden die Sorge der Konsumenten, dass Worte wie “craft” und “artisanal” als Vorwand benutzt werden, mehr Geld zu verlangen.
    3. Die Erfahrung des Bieres steht im Vordergrund, das Erlebnis, weniger die Marke.Alles keine Punkte, die auf das Ende einer Bier-Ära schließen lassen. Eher darf man vermuten, dass die Schreiberlinge endlich mal etwas anderes als die gute, alte David-gegen-Goliath-Geschichte zu Papier bringen wollten. Da kam so eine Studie gerade recht.

Esther Isaak de Schmidt-Bohländer macht Schluss

Nicht doch! Da habe ich soeben geschrieben, dass alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, und dann macht ein wahrer Bierpionier Hamburgs dicht! Das Bierland macht im Juni Schluss, meldet das Hamburger Abendblatt. Warum dies nicht den oben getroffenen Aussagen widerspricht, wird später erklärt.

Zunächst zu den Fakten, dann zu den Schlussfolgerungen:
Esther Isaak de Schmidt-Bohländer hat nicht nur einen der kompliziertesten Namen der Bierszene, sie war auch eine der ersten, die die Hamburger Bierwelt aufrüttelte. 2005 krähte noch kein Hahn nach rebellischem Nicht-Industriebier, dennoch eröffnete Esther Isaak de Schmidt-Bohländer eine kleine Oase der Bierkultur. Viele Kleinbrauer nutzten das Bierland Hamburg als erste Anlaufstelle für ihre Produkte. Auch für die Deutschlandfraktion der Barley’s Angels, eine Gruppe zur Förderung von Frauen in der Bierindustrie, war de Schmidt-Bohländer tätig.

So schade der Abschied ist, so ist die Schließung des Bierlandes dennoch kein Zeichen für den Niedergang der neuen Bierkultur, sondern ihr Wachstum. Denn Esther Isaak de Schmidt-Bohländer sagt selbst, dass es der Preiskampf mit den wachsenden Bierspezialitätensegmenten der Supermärkte ist, der das Bierland schließlich unrentabel werden ließ. Nicht das schwindende Interesse daran ist also Schuld, sondern die breitere Verfügbarkeit.

Nichtsdestotrotz ist es zu bedauern, wenn die kleinen Tempel der Bierkultur dicht machen. Man sollte nicht vergessen, dass die meisten Konsumenten noch immer wenig mit Kreativbier anzufangen wissen. So schön ich es auch finde, bei Real, Edeka und Co. plötzlich Steamworks, Stone, Insel-Brauerei oder Crew kaufen zu können – ohne Erklärung verstören diese Biere mehr Käufer, als sie gewinnen. Diese dringend notwendige Beratung kann nur in den Fachgeschäften stattfinden, und dafür muss man ein wenig mehr auf den Tresen legen. Das sollte es wert sein. Und das sage ich nicht nur, weil ich selbst in solch einem Fachgeschäft arbeite und Angst um meine Sonntagsbrötchen habe.

Günther Thömmes wird Quiz-Champion

Erfreulichere Nachrichten gibt es von “Bierzauberer” Günther Thömmes. Der Brauer und Autor der Romane mit jenem klingenden Namen, der mit der Bierzauberei-Brauerei auch selbst kreative Gebräue auf den Markt brachte, gewann unlängst die ZDF-Show “Der Quiz-Champion”. Die Show, in der Kandidaten sich gegen prominente Rätselgegner durchsetzen müssen, wird von einem Millionenpublikum verfolgt und verspricht beim Sieg ein Preisgeld von 100.000 Euro, die Thömmes nach erfolgreicher Rätselei einstecken durfte.

Ein (natürlich gescripteter) Herzschmerzmoment war die Wiedervereinigung mit Horst Lichter, bekannt als TV-Koch und von diversen Maggie-Tüten, der sich als Cousin 2. Grades von Günther Thömmes herausstellte, beide mit Wurzeln im Bitburger Raum. Hoffnungen, Günther Thömmes könnte mit dem Gewinn die Bierzauberei wiederbeleben, müssen wir leider umgehend im Keim ersticken. Tatsächlich hatte Thömmes seine privaten Ersparnisse für das Brauprojekt restlos erschöpft und freut sich nun, endlich wieder einen Polster zu haben. Er arbeitet inzwischen wieder in seinem alten Beruf im Brauanlagenbereich und wird das Geld für menschliche Freuden ausgeben: Urlaub, Motorrad und natürlich gutes Bier, welches er in diesem Moment in der Hallertau genießt. Prost!

It’s a TRAPpist!

Fünf lange Jahre hat es gedauert, doch nun endlich ist es soweit: England hebt seine erste Trappistenbrauerei aus der Taufe! In der Mount St. Bernard Abbey, einer beeindruckenden Klosteranlage aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mitten im grünen Herzen Englands in Leicestershire, fließt das erste Trappisten-Ale aus der neuen Brauanlage.
Von der International Trappist Association anerkannt ist man bereits, allein das Siegel “Authentic Trappist Product” lässt noch auf sich warten. Dann zählt man zum illustren Kreise von nur zwölf Brauereien weltweit, die sich Trappistenbrauereien nennen dürfen. Die bekanntesten davon befinden sich in Belgien:

1. Saint Remy de Rochefort – Brasserie Rochefort
2. Onze-Lieve-Vrouw van het Heilig Hart – Brouwerij Westmalle
3. Sint Sixtus Abdij – Brouwerij Westvleteren
4. Notre-Dame de Scourmont – Brasserie Chimay
5. Notre-Dame d’Orval – Brasserie Orval
6. Sint Benedictus De Achelse Kluis – Brouwerij Achel

Zusätzlich gibt es zwei Klöster in den Niederlanden, die ebenfalls offiziell Trappistenbiere brauen, gleichwohl in einem ähnlichen Stil wie die Belgier:

7. Lieve Vrouw van Koningshoeven – Brouwerij van Koningshoeven – La Trappe
8. Maria Toevlucht – Brouwerij Zundert

Schließlich gibt es die Brauereien in Österreich, den USA und Italien, deren Biere  mehr oder weniger deutlich vom belgischen Trappistenstil abweichen:

9. Stift Engelszell – Innviertel, Österreich
10. St. Joseph’s Abbey, Massachusetts, USA – Spencer Brewery
11. Abbazia Tre Fontane – Rom, Italien

12. Mount St. Bernard Abbey

Was sind Trappisten? Trappisten sind Zisterziensermönche, denen das Zisterzienserleben zu luxuriös war und die zurück wollten zu “ora et labora”. Entsprechend dürfen die Biere nicht zu kommerziellen Zwecken verkauft werden, sondern dienen dem Erhalt des Klosters und des Klosterlebens. Was übrig bleibt, kommt gemeinnützigen Zwecken zu.

Nicht zu verwechseln ist St. Bernard mit der belgischen Brauerei St. Bernardus. Das könnte sich schwierig gestalten, denn beide Brauereien haben erstaunlich viele Gemeinsamkeiten: Beide haben ihre Brauereien in alte Trappisten-Molkereibetriebe gebaut, beide stehen in Zusammenhang mit dem Kloster St. Sixtus in Westvleteren. St. Bernardus braute deren Biere bis in die 1990er, bevor die Auflagen für das Trappistensiegel das Brauen innerhalb der Klostermauern vorschrieben. Dennoch braut St. Bernardus auch heute noch Biere nah an der damaligen Rezeptur. St. Bernard wiederum besuchte zuerst St. Sixtus, um sich Inspiration für ihr Brauereiprojekt zu holen. Glücklicherweise entschied man sich, die englische Bierkultur in die neuen Abteibiere einfließen zu lassen, statt die gehypten Westvleteren-Biere zu kopieren.

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Photo Credit: Shutterstock

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