Was Gärt? XV – Der Berliner Weiße-Gipfel feiert ein Comeback und die Wacken Brauerei verärgert die Götter

Was Gärt? XV – Der Berliner Weiße-Gipfel feiert ein Comeback und die Wacken Brauerei verärgert die Götter

Es wird übersinnlich in dieser Ausgabe von Was Gärt?. Während sich die deutschen Götterjünger der Wacken Brauerei mit ihren skandinavischen Geschwistern um Namensrechte zoffen, kaufen die so gar nicht der nordischen Mythologie entsprungenen Bierriesen weiterhin kleine, fesche Brauereien in London auf, in Folge 6 diesmal Lion/Kirin und Fourpure. AB-InBev findet hingegen vorerst wohl doch keinen Käufer für Diebels und Hasseröder. Dafür kehrt mit dem Berliner Weiße-Gipfel ein Totgeglaubter aus dem zu eilig geschaufelten Grabe zurück. Und los geht’s:

Die Götter müssen entzückt sein …

… denn bekanntermaßen balgen sich die verschiedenen Divinitäten nicht nur von Herzen gern untereinander, sondern spannen mit Vorliebe auch Sterbliche in ihre mehr oder minder groben Scherze und Intrigen ein. So geschehen, als es unlängst der nimmermüde Witzbold “Crafty” Loki mal wieder darauf anlegte, die nordisch-germanischen Götter und ihre Gefolgsleute zu entzweien. Er flüsterte daraufhin dem griechischen Trunkenbold, Sauf-Satyr Silenos, ein, die schöne Europa betrunken zu machen. Die schüttete daraufhin bei Justitia ihr Herz aus, welche, weil blind, mit dem Schwert irgendwo zwischen Germanien und Skandinavien hinlangte und eine Kluft entstehen ließ.

Was will uns der allegorische Schreiberling damit sagen? Es gibt schon Anlass zur Verwunderung, dass es der germanischen Wacken Brauerei (Beer of the Gods), durch ihre Festival-Pipeline vielfach in den Medien erwähnt, gelungen ist, die allesamt der nordischen Götterwelt entlehnten Namen ihrer Biere nicht nur für den deutschen Markt, sondern gesamteuropäisch als geschützte Marken eintragen zu lassen – Biere wie Heimdalls Willkomm, Freya, Baldur oder eben Crafty Loki.

So staunten viele Brauereien im einstigen Wikingerland nicht schlecht, als mehr oder weniger freundliche Schreiben aus Wacken auf Hermodrshufen ins Haus polterten. Darin die zu erwartende Unterlassungsaufforderung mit den üblichen Fristen zu Abverkauf oder Rücknahme der Produkte, die ebenfalls mit nordischen Götternamen auf den Etiketten warben. Denn in Skandinavien werden Asen und Edda als gemeinschaftliches Kulturgut betrachtet, auf das niemand Rechtsanspruch erheben kann. Man stelle sich vor, jemand würde den Heilandsnamen in “Jesus Bräu” markenrechtlich europaweit schützen wollen. Die zwei großen Fragezeichen in diesem Konflikt, der so langsam Wellen schlägt, sind dabei:
1. Wieso wurde diesen Anträgen überhaupt stattgegeben?
2. Wie gut stehen die Chancen, dass die Wacken Brauerei ihre Ansprüche durchsetzen kann?

Markenrecht ist ein ziemlich trübes Gewässer. Es stehen die teils längere Nutzung der skandinavischen Brauereien gegen verstrichene Widerspruchsfristen und natürlich die zu klärende Grundsatzfrage, ob solch ein Kulturgut überhaupt geschützt werden darf und nicht die initiale Schützung rechtswidrig war. Freunde macht sich die Wacken Brauerei damit natürlich nicht, und die Skandinavier machen sich zum Gegenschlag bereit, vermutlich in Form einer gemeinschaftlichen Klage. Silenos jedenfalls kann sich eh an nichts erinnern, Europa hat Katzenjammer, Justitia blinzelt unter ihrer Augenbinde hervor und Spaßvogel Loki grinst diebisch und reibt sich die Hände. 3B hingegen wird das Geschehen weiter mit Interesse verfolgen.

Bleibt AB-InBev auf Hasseröder und Diebels sitzen?

Dass der weltgrößte Bierkonzern kein gesteigertes Interesse mehr an dem meist getrunkenen Bier Ostdeutschlands und dem meist getrunkenen Altbier Deutschlands hat, vermeldeten wir bereits in Ausgabe Vier von Was Gärt?.

Doch nun stockt der geplante Verkauf an den Investor Daniel Deistler und seine CK Corporate Finance. Offenbar ist diese nicht allen vertraglich vereinbarten Verkaufsvoraussetzungen nachgekommen. Womöglich alliterationsreiche Phrasendrescherei für “nicht genug Geld zusammengetrommelt”. Damit sei der Deal zwar noch nicht vom Tisch, so AB-InBev, man führe aber nun wieder parallel Gespräche mit anderen Interessenten. Vielleicht springt ja Asahi wieder ein, schließlich zeigte man sich schon nach dem Megamerger AB-InBev mit SAB Miller und dabei abfallenden Kartellamtszugeständnissen wie Pilsner Urquell und Tyskie kauffreudig in Europa.

Gut gebrüllt, Löwe – Fourpure Brewing verkauft an Kirin-Tochter Lion

Fast schon erfrischend fällt die Reaktion von Fourpure-Geschäftsführer und Mitbegründer Dan Lowe auf den Verkauf an den australisch-asiatischen Bierriesen aus: „Wir sagen nicht, dass sich nichts verändern wird. Wenn sich nichts verändern würde, warum sollten wir es dann machen?”

Der gerechte Zorn, den Fans dieser Brauereien verspüren, wenn sie merken, dass den Gründern Unabhängigkeit doch nicht so wichtig ist wie gesicherte Finanzverhältnisse, dürfte inzwischen fast verraucht sein und mit einem resignierten Schulterzucken aufgenommen werden. “Another one bites the dust… the gold dust.” BrewDog wird sicherlich auch diesmal wieder verlautbaren lassen, die Produkte nicht mehr in den eigenen Bars auszuschenken.

So weit, so üblich. Doch bei dem mittlerweile sechsten Fall einer Londoner Brauerei (Meantime, Camden Town, Brixton, London Fields und jüngst Beavertown), die Investitionen eines Branchenriesen zulässt oder sich gleich ganz kaufen lässt, zeichnet sich ein Trend ab. Der Londoner Markt wird härter, umkämpfter. Die früheren Mikrobrauer haben eine Größe erreicht (Fourpure mit ca. 60.000 Hektolitern Jahresausstoß), an der sich wie in den USA die Schicksalsfrage stellt: Wachsen, Marktanteile sichern oder wieder verkleinern? Die teure, deutsche Brauanlage ist wahrscheinlich noch nicht abbezahlt, also ist die Wahl klar.

Dan und sein Bruder Tom bleiben vorerst in ihren Positionen als Geschäftsführer und Brand Ambassador. Auch das kennt man inzwischen. Die wachsende Konkurrenz in Südlondon an der “Bermondsey Beer Mile” dürfte auch in Zukunft solche Früchte tragen.

Berliner Weiße-Gipfel kehrt zurück

Der Berliner Weiße-Gipfel startete 2014 als Forum für Brauer des ikonischen Sauerbiers und deren Unterstützer. Im Jahr 2016 wagte man den Schritt hin zum Mini-Bierfest in der Willner-Brauerei, in der tatsächlich einst das spontanvergorene Leichtbier hergestellt wurde.

Im letzten Jahr gab es eine Zwangspause – berufliche Veränderungen bei einigen Organisatoren sowie ein notwendiges Umdenken im Konzept waren die Gründe. Nun ist der Berliner Weiße-Kultur e.V. zurück, und die Organisatoren um Sylvia Kopp, Franz Pozelt, Hendrick Sell, Stefan Krüger, Regine Modersbach und der Schneeeule Brauerei wieder voll dabei.
Als Veranstaltungsort hat man sich diesmal den Hof der Brauerei Lemke, direkt an den S-Bahnbögen zwischen Alexanderplatz und Hackescher Markt, ausgesucht. Dass Bierfeste dort in geschützter und doch sehr zentraler Lage funktionieren, wurde inzwischen mehrmals unter Beweis gestellt.

Neben allen Produzenten von Berliner Weiße (und einer Potsdamer Weiße von der Meierei) werden auch einige internationale Gäste ihre Versionen des Kultgetränks an den Hahn bringen, wie z.B. Jopen, Brekeriet und Oedipus.
Doch nicht nur Konsum steht an, sondern auch Bildung. So gibt es Vorträge und geleitete Verkostungen zum Thema, auch ein Revival des Berliner Hungerturms (ein Glaskühlschrank mit typischen Berliner Kneipensnacks wie eingelegten Eiern, Rollmops und Bulette) wird angestrebt. Ob der Berliner Weiße-Gipfel die Kraftanstrengung schafft, sich als Fest wie als Forum zu etablieren, findet Berlin am Samstag, den 21. Juli heraus.

Offenlegung: Der 4. Berliner Weiße-Gipfel findet im Rahmen der Berlin Beer Week 2018 statt. Der Autor dieser Zeilen ist Mitorganisator der Berlin Beer Week, ebenso wie Berliner-Weiße-Kultur e.V.-Mitglied Stefan Krüger. Der Berliner Weiße-Gipfel ist nicht an die Berlin Beer Week gebunden, findet anlässlich seiner Wiederbelebung erstmals in diesem Rahmen statt.

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Photo Credit: Wacken Brauerei 

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