Sensorik-Prüfung und Werksführung bei Paulaner: Schmecken lernen im Todesstern

Sensorik-Prüfung und Werksführung bei Paulaner: Schmecken lernen im Todesstern

Morgens um 10:00 Uhr, irgendwo im Münchener Umland. Ein weißer, nüchterner Raum in spärlich-bläulichem Neonlicht. Es riecht nach Alkohol, kleine Becher werden durch Aussparungen in der Wand gereicht. Eine Ausnüchterungszelle? Ganz im Gegenteil: Alles passiert im Rahmen einer Werksführung sowie Sensorik-Prüfung bei Paulaner in Langwied. Hier geht es um das Trinken, oder vielmehr: um das Schmecken.

Die Paulaner-Produktionsstätte in Langwied, sonst abgeschottet wie sonst nur der Todesstern aus Star Wars, hat zum ersten Mal für die weitere Allgemeinheit geöffnet und lädt interessierte JournalistInnen aus dem Umland zur Werksführung sowie Sensorik-Prüfung.

Wer im Glauben angereist war, dies wäre nur ein akademischer Ausdruck für eine von Weißwurst und Brez’n  begleitete Bierverkostung, wird jedoch schnell enttäuscht. Vielmehr geht es dem brauereieigenen Qualitätssicherungsteam um Ulrich Schmidt und Eveline Noé darum, den Presse-Besuchern zu zeigen, wie fein man bei Paulaner seine Geruchs- und Geschmacksnerven ausgebildet haben muss, bevor man die Qualität von Zwickl, Isar-Weiße und Co. offiziell beurteilen darf.

Denn trotz der nüchternen Atmosphäre im Prüfungsraum geht es hier nicht vornehmlich um Chemie und Zahlen, sondern um den Kern des Bieres. Oder wie es QM-Leiter Schmidt ausdrückt: „Der Endverbraucher trinkt unser Paulaner ja nicht, weil es 28 Bittereinheiten, elf Prozent Stammwürze und eine Farbe von 17 hat. Sondern einfach, weil es ihm schmeckt.“  Und zwar offenbar so gut, dass jedes Jahr 3,5 Mio. Hektoliter davon über den Laden- bzw. Gasthaustisch gehen.

Werksführung mit Sensorik-Test

Damit dies so bleibt, wird das Paulaner-Bier jeden Vormittag von einer hausintern ausgebildeten Expertenrunde verkostet, die tatsächlich dann auch entscheidet, ob die aktuelle Charge auf den Markt darf, oder eben nicht. Zwischen 10:00 und 12:00 Uhr sollen die Geschmacksnerven laut Trainerin Eveline Noé am besten funktionieren. Offenbar gilt das jedoch nicht für uns Journalisten: Beim ersten Test, bei dem lediglich Grundgeschmäcker in einer farblosen Flüssigkeit erkannt werden sollen, fallen die meisten glasklar durch. Salzig hätte es sein sollen, aber natürlich unterhalb der Nudelwassergrenze, will sagen, hier ging es um wenige Gramm pro Liter. Trotzdem ist es den meisten peinlich.

Der nächste Test scheint einfacher: Biergrundsorten erkennen. Im schummrigen Licht der acht Verkostungskabinen und der sterilen Atmosphäre klappt aber auch dies nicht bei allen. Ein Salvator nicht von einem dunklen Bier unterscheiden können? Ungläubige Gesichter – das können doch sogar die Araber im Paulanergarten! Aber offenbar nicht die geladenen Bloggerinnen, die gerade ein bisschen meckern, weil man auf dem Gelände nicht filmen darf.

Letzter Test: Unter drei Bierproben zwei Identische erkennen. Mit etwas Galgenhumor und besser geschulter Zunge gelingt das dann auch den meisten. Pils? Helles? Kenn ich. Wusste ich schon immer! Geht also doch irgendwie.

Werksführung durch 4.000 Tonnen Stahl

Zur Belohnung für die unterzogene Prüfung lockt nun die anschließende Werksführung. Und die ist hier in Langwied beileibe etwas Besonderes. Seit der 300 Mio. Euro teuren Standortverlagerung 2016 in den Münchener Westen haben nur wenige Außenstehende den „Todesstern“ von innen gesehen. Dass hier an die 4.000 Tonnen Stahl verbaut wurden, glaubt man sofort. Das 15 Hektar große Gelände mit seinen zahlreichen Bauten ist in der Tat riesig und beherbergt neben sieben mehr als 20 Meter hohen Lagertanks unter anderem ein autogenes Blockheizkraftwerk, eine separate Biogasanlage und auch einen Paulaner-eigenen Tiefbrunnen. Echte Münchner Kindl und andere Bierapostel wird es freuen, dass letzterer tatsächlich vom selben Wasser aus 190 Metern Tiefe schöpft, wie einst am Nockherberg. Diese Tradition scheint also gewahrt.

In Sachen Flair jedoch ist die Langwieder Anlage deutlich nüchterner ausgefallen als ihre ältere Schwester in Giesing: Keine nostalgischen Kupferkessel, kaum typischer „Brauereigeruch“, keine herumliegenden Spezi-Kisten. Dafür – wer hätte es gedacht –  Stahl, soweit das Auge reicht, hohe Raumtemperaturen, mehrere Stockwerke tiefe Sudkessel – und so gut wie kein Mensch zu sehen. Dies gilt vor allem für die 30.000 Quadratmeter große Abfüllhalle, die wie von Geisterhand und fast ohne menschlichen Input funktioniert. Etwas Todesstern-Atmosphäre kommt hier tatsächlich auf. Wenn jetzt zwischen den Millionen autonom ratternden Flaschen, klackernden Dosen und surrenden Förderbändern Han Solo mit seinem Millenium Falcon landen würde – wen würde es wundern?

Familiäre Atmosphäre auf dem Paulaner Gelände

Etwas terrestrischer geht es wieder zur abschließenden Brotzeit in der Werkskantine zu. Beim Fingerzeig auf die gewünschte Paulanerart kann jetzt jeder, der vorher durchgefallen ist, doch noch zeigen, was für ein ausgesuchter Bierkenner er/sie ist. Sortenerkennung anhand von Flaschenetiketten – funktioniert einwandfrei.

Was jedoch wirklich auffällt, ist, wie familiär die Atmosphäre auf dem Gelände trotz des vielen Hightechs wirkt. Mitarbeiter, Brauer, Fahrer, die hier ihrer Arbeit, Mittags- und Rauchpause nachgehen, wirken tatsächlich noch wie in der „guten alten Zeit“, als München noch ein Dorf war, Kreativbier ein Fremdwort und die Urversion von „Krieg der Sterne“ die Kinokassen füllte. Und tatsächlich: Schaut einer der Bierfahrer aus den 1970er Jahren, mit dem Paulaner derzeit so gerne Werbung macht, nicht auch ein bisschen aus wie Harrison Ford? Zumindest die Koteletten stimmen, und vielleicht auch der Rest – wenn man wieder mal das Dunkle mit dem Starkbier verwechselt hat. Prost!

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Photo Credit: Paulaner

 

One comment

  1. Johannes
    18. April 2018 reply

    Der Satz mit den „28 Bittereinheiten“ war allerdings nur eine Angabe von willkürlichen Werten, oder? Das hat er nicht ernst gemeint?
    Paulaner selbst schreibt auf seiner Webseite: „Das Paulaner Original Münchner Hell hat einen Stammwürzgehalt von 11,5 Prozent und einen Alkoholgehalt von 4,9 Prozent.“

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