Kreatives Bio-Bier: Die Nische in der Nische

Kreatives Bio-Bier: Die Nische in der Nische

Kreativbiere stehen für Qualität und natürliche Inhaltsstoffe. Braucht es da überhaupt noch Bio-Biere? Friedrich Carl Richard Matthies und Max Friedrich von Wildwuchs Brauwerk beantworten das im Interview mit einem klaren Ja. Der Verbraucher weiß es nur noch nicht. Über Strategien am Bio-Bier-Regal und das Überleben in der doppelten Nische.

Ein Ort der Superlative: Hamburgs Stadtteil Wilhelmsburg steht nicht nur auf Europas größter Flussinsel, sondern ist demnächst auch Heimat der ersten Bio-Brauerei der Hansestadt. Mit einem Ausstoß von stattlichen 1.500 hl entsteht hier das Wildwuchs Brauwerk. Sein Gründer Friedrich Carl Richard Matthies, genannt Fiete, hat eine Vision: Er will das Bio-Bier im Hamburger Kreativbier-Regal etablieren.

Seit 2014 arbeitet er an dieser Mission, seit er im Bleckeder Brauhaus seine Wildwuchs-Biere produziert. Mit dem Bau der eigenen, nach europäischen Richtlinien zertifizierten Brauerei geht er jetzt den nächsten Schritt: Er expandiert.

Unterstützung bekommt er auf diesem Weg von Max Friedrich. Seit März diesen Jahres ist der Hamburger Vertriebsprofi Teil der Wildwuchs-Gang und soll den Absatz der Biere kräftig ankurbeln. 3B-Autorin Regine Marxen hat die zwei Bierprofis zum Interview in ihrer Brauerei getroffen.

3B: Fiete, wie relevant aus deiner Sicht das Argument Bio beim Bierkauf ist für den Konsumenten?

Friedrich Carl Richard Matthies: Bio ist für den Verbraucher überhaupt nicht wichtig, die Menge derer, die hier auf Bio wert legt, ist verschwindend gering. Die meisten Verbraucher denken, es gibt das Reinheitsgebot. Das deckt alles ab. Es wurde ja auch eine eine krasse Story drumherum gestrickt, so dass die meisten Verbraucher denken, sie haben ein reines Produkt in der Hand, in dem nichts anderes drin ist, als angegeben.

3B: Was ja nicht so ist. 2016 hat das Münchner Institut für Umweltschutz zum ersten Mal in allen 14 der beliebtesten deutschen Biermarken Glyphosat-Rückstände gefunden. Und das in bis zu dreihundertfacher Höhe des zugelassenen Grenzwerts für Trinkwasser.

Friedrich Carl Richard Matthies: Und trotzdem ist der Bio-Gedanke am Bier-Regal noch kein alltäglicher. In unserem Bier konnte Ökotest (Ausgabe Mai 2017, Anm. der Red.) übrigens weder Glyphosat- noch Pestizid-Rückstände nachweisen.

3B: Muss der Verbraucher denn überhaupt besorgt sein? Der Deutsche Brauer-Bund hat die genannten Ergebnisse als nicht nachvollziehbar gewertet und zudem darauf hingewiesen, dass der Verbraucher mindestens 1.000 Liter Bier am Tag trinken müsste, bis eine gesundheitsschädliche Wirkung eintreten würde.

Friedrich Carl Richard Matthies: Aber Glyphosat-Rückstände sind eben nicht nur im Bier drin. Wenn ich zum Bäcker gehe und konventionelles Brot kaufe, ist in diesem Glyphosat. Oder wenn ich eine nicht biologisch produzierte Nudel esse. Oder eine konventionell produzierte Pizza. Schon die Tatsache, dass Glyphosat im Urin eines Säuglings nachweisbar vorhanden ist, zeigt, dass wir in Deutschland nicht mehr im guten Bereich liegen. Das summiert sich eben.

Letztendlich machen wir mit Wildwuchs Brauwerk aber nicht nur Bio, um uns gesünder zu ernähren, sondern auch, um umweltschonender zu produzieren. Schon dort fängt Bio ja an.

3B: Zurück zum Verbraucher: Der denkt bei Bier nicht an Bio, sagst du. Aber eine Brauerei wie Lammsbräu zeigt, dass Bio-Bier durchaus Erfolg haben kann. Mit 60 Prozent Marktanteil sind sie in Deutschland Marktführer beim Bio-Bier. 2017 konnten sie ihren Absatz um 8,8 Prozent auf 94.168 hl steigern.

Friedrich Carl Richard Matthies: Das stimmt, in Bio-Märkten sind sie sehr präsent, haben aber einen ganz anderen Warendruck als wir und sind mit ihren Sorten doch recht konventionell aufgestellt.

Im Gegensatz zu Lammsbräu sind wir mit Wildwuchs Brauwerk ja geradezu hip. Wir wollen ja gerade den Bogen spannen zwischen dem Craft- und dem Bio-Gedanken, heißt, unsere Überschneidung ist der Bio-Markt, unsere Zielgruppe ist dann doch eine andere.

3B: Das wäre dann der Konsument, der Bock auf Sortenvielfalt und besondere Biere hat. Damit stellt ihr derzeit eine Nische in der Nische dar.

Max Friedrich: Das ist richtig. Derzeit sind wir in Deutschland eine der ganz wenigen Brauereien, die diesen Weg gehen. Wir sehen uns ganz klar in der Craft-Beer-Ecke, aber eben in Bio-Qualität.

3B: Wobei euer Spielfeld in Sachen Bier-Experimente durch den Bio-Gedanken eingeschränkt ist, oder? Ausgefallene Biere wie eure Nicht-Bio-Mitbewerber im Kreativbier-Bereich könnt ihr nur bedingt machen.

Friedrich Carl Richard Matthies: Klar. Bestimmte Hopfensorten fallen bei uns raus, die gibt es nicht in Bio. Dennoch gibt es Möglichkeiten, Besonderes zu brauen, auch im Bio-Bier-Segment. Wir haben tatsächlich bereits ein paar ausgefallene Produkte kreiert, zum Beispiel das Espresso Ale mit Carroux Caffee. Kaffee gehört zu den Gütern, die sich auf relativ schonende Weise transportieren lassen, mit einer gesunden Umweltbilanz. Das geht dann schon. Aber ausgefallene Superfrüchte aus Asien oder ähnliches geht natürlich nicht. Dennoch: Wir sind „Craft“.

Max Friedrich: Bio ist nicht unser Hauptargument. Geschmack ist unser Argument. Und das dann noch in Bio. Das ist unsere Herangehensweise.

3B: Ist das Label Bio für Biertrinker nicht auch eher abschreckend, gerade weil es in diesem Segment oftmals so uninspirierte Biere gibt?

Max Friedrich: Ich denke, da findet gerade ein Umdenken statt, aber eben ein langsames. Der Gedanke, dass Bio-Bier auch spannend sein kann, ist längst noch nicht überall angekommen. Nur so viel: Wir haben mal eine Blindverkostung mit unterschiedlichen Bieren mit Kunden gemacht, auf Platz Eins ist ein Bio-Bier gelandet. Am Ende zählt auch bei Bio-Bier der Geschmack. Damit kann ich die Leute überzeugen.

3B: Aber wie wollt ihr an die Leute ran kommen? Was ist da eure Strategie?

Max Friedrich: Das läuft zum einen über den Einzelhandel. Über gut sortierte Lebensmittelhändler, Bio-Märkte, aber auch über Konzept-Stores, in deren Kontext wir passen. Hofläden zum Beispiel. Wo gesunde Ernährung und ein gesunder Lifestyle eine Rolle spielen.

3B: Der Einzelhandel ist und bleibt ein wesentlicher Faktor beim Bier-Absatz. Doch um hier im Regal nicht unterzugehen, bracht es eine bekannte Story hinter den Bieren. Und einen guten Preis. Bio hat da sicherlich den Nachteil, dass die Produktionskosten höher sind. Und Craft Beer ist sowieso schon teurer als Industriebiere.

Friedrich Carl Richard Matthies: Den reellen Produktionspreis können wir so nicht an den Verbraucher weitergeben. Wir müssen da über einen höheren Absatz gehen.

Wenn unsere neue Bio-Brauerei hier in Wilhelmsburg erst mal läuft, werden wir dreimal so viel produzieren müssen wie zuvor, um unsere Investitionen wieder herauszubekommen.

Max Friedrich: Deshalb arbeiten wir im Einzelhandel in Zukunft auch mit stärkerer Visualisierung, wie Aufsteller usw. Und es ist wichtig, dass wir in der Bio-Ecke und in Bio-Märkten ein eigenes „Craft“-Regal haben, um uns dort von anderen abzusetzen. Die zweite Schiene ist dann ganz klar die Gastronomie.

Friedrich Carl Richard Matthies: In der Gastronomie in Hamburg sind wir teilweise schon gut vertreten. Aber auch hier ist das Thema Bio schwierig. In Hamburg gibt es im Vergleich zu dem gesamten Restaurant-Markt sehr, sehr wenig Bio-Restaurants.

Max Friedrich: Was wiederum heißt: Bio kann im Vertrieb nicht unser Hauptansatz sein, sondern der Geschmack und die Regionalität. Wir wollen die Gastronomen und die Konsumenten an den Geschmack heranführen.

3B: Besondere Biere an den Hahn in der Gastro zu bekommen ist ein viel diskutiertes Thema. Stichwort Knebelverträge und Goodies wie Sonnenschirme oder Kühlschränke. Mit letzterem arbeiten auch größere Kreativbrauereien, eine davon sitzt hier in Hamburg.

Friedrich Carl Richard Matthies: Das ist wie beim Fußball: Es gibt eine A-Liga, wobei selbige in Hamburg gerade abgestiegen ist, und eine B-Liga. Die A-Liga hat das größere Marketing-Budget. Wir sind B-Liga, geschmacklich aber sind wir Erste Liga oder haben Champions-League-Niveau. Aber unser Budget ist das eines Regional-Ligisten.

Max Friedrich: Gastronomen, die mit uns arbeiten, müssen Bock auf gutes Bier und Wildwuchs Brauwerk haben. Wenn diese mit Forderungen wie gekabelten Sonnenschirmen um die Ecke kommen, ist das vielleicht nachvollziehbar. Am Ende muss man aber sagen: Dann sind das vielleicht auch nicht unsere Kunden.

3B: Sprich, ihr setzt vor allem auf die persönliche Beziehung zum Gastronomen?

Max Friedrich: Genau. Die muss man aufbauen. Wir wollen ja auch eine Brauerei zum Anfassen sein. Wenn unsere Brauerei startet, dann werden wir unsere Kunden einladen, ihnen unsere Biere und unsere Philosophie vorstellen.

Und sie dann, wie gesagt, über den Geschmack und über die Marke überzeugen. Ganz ehrlich: Ich komme ursprünglich aus dem Kaffee-Vertrieb. Dass der Konsument heute so viel Wert auf guten Kaffee legt und richtig Geld dafür in die Hand nimmt, hätte in Deutschland vor sechs Jahren auch keiner gedacht.

Friedrich Carl Richard Matthies: Insgesamt geht es darum, nahbar zu bleiben. Und sichtbar hier in Hamburg. Für unsere Kunden mit unserer Brauerei, aber auch auf der Straße, auf Festen und Märkten. Da trinken die Leute unser Bier, ohne erst einmal an Bio zu denken. Und stellen dann fest, dass es ihnen schmeckt.

3B: Wenn ihr dreimal so viel produzieren müsst in Zukunft, damit sich eure Investitionen rentieren, und gleichzeitig weiterhin Aufklärungsarbeit leisten müsst, um Bio im Bier-Regal zu etablieren, habt ihr eine Menge Arbeit vor euch.

Max Friedrich: Klar. Aber ich sehe bei Bio-Bier und bei Wildwuchs Brauwerk viel Potential. Es gibt ein Umdenken in der Gesellschaft. Und viele Spielfelder, auf denen wir aktiv werden können, wie Abendveranstaltungen mit Getränkeausschank in Betrieb und Firmen. Ich habe durch meine vorherige Tätigkeit im Kaffee-Vertrieb jede Menge Kontakte in meinem Adressbuch. Und ich weiß, für viele davon ist Wildwuchs ein spannendes Thema.

Wir werden die alle nach und nach in die Brauerei einladen und werden erläutern, wie wir zusammen mit ihnen Ideen realisieren und auch bei Bedarf individuelle Lösungen schaffen können. Mit einem guten Produkt in astreiner Bio-Qualität, in dem nur drin ist, was auch drauf steht.

3B: Friedrich Carl Richard und Max, vielen Dank für das Interview!

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Photo Credits: REM

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