Zu Besuch in der Meantime Brewery

Zu Besuch in der Meantime Brewery

Die Meantime Brewery in London erregte jüngst wieder einmal Aufsehen, als im Herbst 2017 eine durchaus attraktive Stellenanzeige veröffentlicht wurde: Professioneller Bierverkoster gesucht. Das Jobangebot verbreitete sich in Windeseile, wurde zum „Stellenangebot des Monats“ bei LinkedIn gekürt und sorgte für 2.000 Bewerbungen. 

Ja, vielleicht handelt es sich tatsächlich um den besten Job der Welt, wie das man viral postulierte. Und wer die Biere von Meantime kennt, weiß: hier wird ernsthaft und köstlich gebraut. Und zwar bereits seit dem Jahr 2000. Der Name der Brauerei verrät die Lage im Osten der englischen Hauptstadt. Dort, wo der Null-Meridian unser Uhrzeitsystem vorgibt, im hübschen Greenwich. Nur einen Steinwurf entfernt vom königlichen Observatorium, dem berühmten Segelschiff „Cutty Sark“ und den wunderschönen Gärten und Herrenhäusern von Greenwich Park, entstanden die sachlichen Gebäude der Meantime Brewery . Die Uhrzeiger und –werke als Markenzeichnen auf den Etiketten verraten ebenfalls den Bezug zum berühmten Greenwich-Meridian.

Avantgarde durch Rückbesinnung

Gründer und Braumeister Alastair Hook rief die Marke zur Zeit der Jahrtausendwende ins Leben. Damals war die so genannte Craft-Beer-Woge noch nicht besonders spürbar nach Europa geschwappt. Nicht nach Großbritannien und nach Deutschland schon gar nicht. Hook beschäftigte sich damals mit der Biergeschichte Britanniens und hatte bereits einige Microbrew-Projekte in England begleitet. Im Jahr 2000 erfüllte er sich den Traum und eröffnete die eigene Brauerei gegenüber dem Stadion seines Lieblings Fußballklubs Charlton Athletic. Der Erfolg sorgt in der Folge für zwei Umzüge und den Bau der aktuellen Braustätte, die heute die zweitgrößte Brauerei Londons beherbergt, nach der Fuller’s Brauerei im Westen der Metropole.

Während des Brau-Studiums in Weihenstephan hatte er moderne Brauer kennengelernt, wie Eric Toft (Landbrauerei Schönram) oder Eric Warner (Flying Dog Brewery in Denver, Colorado) und den Blick über den britischen Tellerrand ernsthaft kultiviert.

So stieß er auf die traditionellen und doch weitgehend vergessenen Braustile Britanniens, wie Porter und India Pale Ale. Wie mag ein Porter oder ein London Lager vor 100 Jahren geschmeckt haben? Wie sahen die originalen Pale Ales aus, die früher den langen Seeweg in die indischen Kolonien überstehen mussten? Die Meantime Brewery schrieb sich auf die Fahne, das kulturelle Brau-Erbe wieder zu beleben. Schließlich musste da mehr sein als die Cask-Conditioned Ales nach Maßgabe der Camra (Campaign for the Real Ale).

Unheimliche Erfolgsgeschichte

Wunderschönes Flaschendesign, herausragende Biere – darauf wurden Konsumenten und Konkurrenten intensiv aufmerksam. Im Jahr 2014 wuchs der britische Biermarkt um 1%. Im gleichen Zeitraum konnte Meantime Brewing ihre Verkaufszahlen um 58% steigern.

2015 erfolgte dann das Angebot, das man nicht abschlagen kann, als die damalige Nummer Zwei der Brauwelt, SAB-Miller, in die Geschicke und Geschäfte von Meantime einstieg. Dem Braugiganten, gehören zu dieser Zeit Marken gehören, wie Foster´s, Miller, Pilsner Urquell, Coors, Grolsch oder Peroni. Sein Ziel war ein Fuß in der Tür zum britischen Markt, glücklicherweise aber keine Veränderung bei den Brauwaren und der Grundphilosophie der Marke. Bierenthusiasten, die an den Ethos der Handwerksbrauer glaubten, zeigten sich dennoch enttäuscht. Schließlich befand man sich in einer Zeit, als die Braugiganten SAB-Miller und AB-InBev eine wachsende Zahl von ehemaligen Craft-Pionieren einsackten und auf die „dunkle Seite der Macht“ verführten.

Aber Groß kauft nicht nur Klein ein, sondern Groß kauft auch Groß. Schlappe 83 Milliarden Euro zahlte AB-InBev 2016 für die Übernahme von SAB-Miller. Zu diesem Mega-Geschäft der Brauhistorie gesellten sich zahlreiche weitere Verkäufe aus strategischen oder kartellrechtlichen Gründen und so wurde auch Meantime verkauft. Zusammen mit Grolsch aus den Niederlanden und Peroni aus Italien, ging Meantime im Paket an die japanische Asahi-Gruppe. Der Preis betrug ca. 2.6 Milliarden Euro.

Wie spät in Greenwich? Meantime.

In der Meantime Brewery spricht man offen über die Veränderungen und Entwicklungen. Auch auf den Führungen, die gut besucht sind. Die Marke ist in aller Welt bekannt und die Biere haben zahllose Fans. Ein geselliger Brauereiausschank unmittelbar an der Unternehmens-Pforte lockt nach Greenwich. Alle Standard Biere und aktuelle limitierte Editionen stehen parat. Ein kundiges Barteam empfiehlt stets das passende Bier zum tadellosen Essen. Es gibt Burger und Chicken Wings, die in Biersoße mariniert sind. Dazu gemischte BBQ-Platten oder Salate.

Dazu die neun herrlichen Klassiker der Brauerei, wie ihr Pale Ale im traditionellen englischen Stil, das kraftvolle Chocolate Porter oder das vortreffliche Lager. Wechselnd am Hahn sind die saisonalen Limited Editions oder die raren Experimentalsude der „The Pilot Series“. Angeschlossen ist zudem ein Shop mit durchaus originellen Fan-Utensilien und, natürlich, den Bieren.

Der Taproom der Meantime Brewery ist auch Treffpunkt der Brauerei-Führungen, die an Wochentagen um 19 Uhr und am Wochenende den ganzen Tag hindurch angeboten werden. 20 Pfund kostet die zweistündige Tour, die in einem riesigen Flaschenarchiv beginnt, in dem Bierflaschen aus aller Welt die Regale füllen. Eine Einführung in die Rohstoffe und die Geschichte des Bieres bildet den Auftakt, bevor die Gesellschaft durch die Brauerei zieht, entlang der Sudkessel, Etikettiermaschinen und Fasslager. Die Tour verfügt nicht über sehr viel Tiefgang und erfahrene Bierkenner werden nichts lernen, was sie nicht schon wüssten. Die Persönlichkeit und der recht individuelle Humor des Guides kommt außerdem stark zum Tragen.

Aber die hervorragenden Biere entschädigen für so manchen mittelmäßigen Scherz und brautechnische Ungenauigkeit. Spannend bleibt zudem die Frage, wie es weitergeht mit der Brauerei. Wir nehmen noch ein Bier – in the meantime.

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Photo Credit: Tim Klöcker und Peter Eichhorn

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