Zu Besuch in der Traditionsbrauerei Ottakringer

Zu Besuch in der Traditionsbrauerei Ottakringer

In dieser Serie stellen wir in regelmäßigen Abständen eine Brauerei vor, die uns gefällt oder verwundert, eine Brauerei mit Tradition oder ohne, in Deutschland oder nicht – heute: Ottakringer. Denn wo gebraut wird, da halten wir uns gerne auf, sei es auf ein Helles oder Dunkles.

Die Bestellung ist und bleibt in Wien eine ortstypische: „a sechzehner Blech, bittschön“. Dahinter verbirgt sich eine Dose Bier aus dem 16ten Wiener Stadtbezirk, also aus Ottakring. In der Dose ist dann meist der Klassiker der Brauerei, das vielprämierte Helle, das hier auch als Märzen bezeichnet wird.

Aber die Ottakringer Brauerei bietet auch darüber hinaus ein vielfältiges Portfolio. Da wäre die „Gold Fassl“-Serie, beispielsweise mit Zwickl und Zwickl Rot, Pils oder Bock. Dann gibt es da noch das Null Komma Josef alkoholfrei oder eine Biermischung, die besonders in Österreich populär ist, ein „Wiener G’mischtes“, bestehend aus hellem und dunklem Bier.

Der Brauerei einen Besuch abzustatten ist ein wahres Vergnügen, ob für Brauhistoriker oder zur reinen Unterhaltung und zum Biergenuss. Von der Innenstadt geht es mit der U-Bahnlinie 3 hinaus in den Wiener Westen nach Ottakring. Von der gleichnamigen Endstation sind es noch 1000 Meter bis zum Brauereigelände von Wiens ältester erhaltener Brauerei.

Markant ragt der Turm in die Höhe, auf dem sich die signifikante Schornsteinummantelung befindet, die als Logo auch jede Flasche und Dose ziert. Besucher sind hier stets willkommen und im Rahmen einer Führung gibt es viel Wissenswertes zu erfahren und zu besichtigen.

Zwischen Sudkessel und Salon

Begeben wir uns zunächst aber ins Jahr 1837. Zu dieser Zeit verfügt Wien über stolze 44 Brauereien. Müllermeister Heinrich Plank beginnt seinerzeit mit dem Braubetrieb in Ottakring. 1850 übernimmt Familie Kuffner die Geschicke der Braustätte und investiert in den Folgejahren intensiv in fortschrittliche Technik. Es ist die Zeit der Industrialisierung. Der Siegeszug untergäriger Lagerbiere beginnt und neue Kühltechnik ermöglicht jahreszeitlich unabhängige Brauvorgänge. Eine Besonderheit in der Unternehmensgeschichte sind die Rahmenbedingungen, was die arbeitstechnischen Bedingungen und und soziale Absicherung der Arbeiter anbelangt. Das fortschrittliche Unternehmertum bleibt auch bei Hofe nicht unbemerkt und so erhebt Kaiser Franz Joseph I. die Familie 1878 in den Adelsstand. Ihr Palais, gegenüber der Brauerei gelegen, entwickelt sich zu einem kulturellen Salon und politischem Treffpunkt der jüdischen Oberschicht Wiens.

Die Ära der Nationalsozialisten bedeutet eine fatale Zäsur in der Familiengeschichte. Die Braustätte wird „arisiert“ und verkauft, Moritz Kuffner kann sich in die Schweiz absetzen, wo er 85-jährig kurz darauf stirbt. Der Brauereibetrieb ist nun in den Händen der Familie Harmer. In den Nachkriegsjahren machte diese die Nachfahren von Moritz Kuffner in den USA ausfindig, und entschädigt diese für den Verlust.

Ende des Bierkartells

In Österreich bestand seit 1907 für die Mitgliedsbrauereien des Kartells ein garantiertes und zugewiesenes Belieferungsrecht. Geschäfte und Gastronomen hatten kaum die Wahl, welches Bier sie anbieten wollten, sie mussten das nehmen, welches ihrem Standort zugewiesen war. Sieben Brauereien durften in Wien ihr Bier ausliefern. Das Flaschenbierkontingent wurde aufgeteilt: 50 Prozent für die Brauerei Schwechat, 21 Prozent für Ottakringer, 11 Prozent für die Brau AG und 4 Prozent für Reininghaus.

Im Jahr 1977 sorgt die Ottakringer Brauerei für Schlagzeilen, da sie aus dem österreichischen Bierkartell austritt und dadurch zu dessen Auflösung drei Jahre später, 1980 beiträgt.

Heute ist die Ottakringer Brauerei wieder eine Familienbrauerei in gänzlich österreichischem Besitz, denn 2009 kaufte die Eigentümerfamilie ein letztes Aktienpaket vom Heineken-Konzern zurück.

Heute erzeugt die Brauerei einen jährlichen Ausstoß von 540.000 Hektolitern, beschäftigt rund 150 Mitarbeiter, schöpft Wasser aus dem hauseigenen Brunnen aus 118 Metern Tiefe und braut daraus mehr als 20 Biersorten. Das bedeutet einen Marktanteil von 6 Prozent in Österreich.

180 Jahre und zwei Brauereien in einer

Gerade im 180sten Bestehensjahr von Ottakringer lohnt eine Besichtigung. Montags bis Freitags finden Führungen für Gruppen ab 10 Personen statt. Einzelbesucher können sich auf Anfrage einer Führung mit anschließender Verkostung anschließen. Die Teilnahme kostet 11 Euro.

Alleine die Gebäude sind sehr sehenswert. Die historische Struktur einer Brauerei ist noch hervorragend erkennbar, wenn die Prozesse des Brauens von oben nach unten ablaufen. Also unter dem Dach beginnt das Mälzen und Schroten und für die weiteren Produktionsschritte wird das Braumaterial dann immer eine Etage weiter nach unten befördert, bis dann die Sudkessel und die Lagertanks zum Einsatz kommen. Kenntnisreich, sachlich und unterhaltsam geleitete uns eine junge Dame durch die Geschichte und über das Gelände. Angenehm, dass die Führung gänzlich ohne die ansonsten gerne üblichen kerlig-schenkelklopfenden Herrenwitz-Zoten auskam. Sondern stattdessen die komplexe historische Phase rings um die Arisierung jüdischen Besitzes in der NS-Zeit und die Aufarbeitung dieser Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg sachlich diskutiert wurde.

Den Schritt in die heutige Kreativbier-Ära geht Ottakringer bereits seit 2014. Seither fällt der Blick beim Betreten des Unternehmens-Geländes auf einen gläsernen Rundturm, in dem sich die kleine aber und innovative Nano-Brauerei Brauwerk befindet. Unter dem Motto „Love & Music“ entstehen hier frische und kreative Brauspezialitäten. Mit India Pale Ale, Porter und Blond entstehen drei Stammbiere und ein regelmäßig wechselndes Saisonbier. Donnerstags von 17 bis 21 Uhr ist das Brauwerk geöffnet. Regelmäßig finden hier auch Verkostungen und Brauseminare statt.

Wer nun seine Begeisterung für die Traditionsbrauerei im 16. Wiener Bezirk unter Beweis stellen möchte, der findet eine große Auswahl im Fanshop und deckt sich ein mit Shirts, Caps, Schirm, Grillschürze und – natürlich – Bier!

Fotocredits via Peter Eichhorn und Tim Klöcker

 

WRITE A COMMENT